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Einfluss der Fertigungsverfahrenswahl auf die Oberflächenqualität

Forscher des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) zeigen in einer kürzlich veröffentlichten Studie, dass die Wahl des Fertigungsverfahrens (MPS) Einfluss auf das Produktdesign hat. Dennoch wird die Entscheidung für ein bestimmtes Verfahren häufig eher erfahrungsbasiert als auf Grundlage einer strukturierten Bewertung von Alternativen getroffen. Ben Kitson, Head of Business Development bei Precision Micro, erklärt, warum ein fundiertes Verständnis der Unterschiede zwischen chemischem Ätzen und anderen Metallbearbeitungsverfahren entscheidend ist, um tragfähige Prozessentscheidungen zu treffen.

Die Wahl des Fertigungsverfahrens beeinflusst maßgeblich die Leistung und Zuverlässigkeit eines Bauteils.

Die Wahl des Fertigungsverfahrens beeinflusst maßgeblich die Leistung und Zuverlässigkeit eines Bauteils.

Metall kann auf unterschiedliche Weise bearbeitet werden: Spanende Verfahren arbeiten mit Kraft, thermische Verfahren mit Wärme und chemisches Ätzen mit kontrollierten chemischen Reaktionen. Diese Unterschiede wirken sich direkt auf die Materialintegrität und Zuverlässigkeit aus.

Eine Geometrie lässt sich im CAD perfekt modellieren. Doch die Art und Weise, wie sie gefertigt wird, bestimmt letztlich, wie die Oberfläche und die oberflächennahe Zone tatsächlich aussehen – und wie sich das Bauteil im Einsatz verhält. Untersuchungen zur sogenannten Oberflächenintegrität zeigen, dass Materialabtragsverfahren die Mikrostruktur verändern, Eigenspannungen erzeugen und Oberflächenanomalien verursachen können. Eine sorgfältige Bewertung der Fertigungsoptionen ist daher unerlässlich.

Stanzmaschinen ermöglichen präzise und wirtschaftliche Bearbeitung von Blechteilen durch schnelle, wiederholgenaue Stanzprozesse.

Stanzmaschinen ermöglichen präzise und wirtschaftliche Bearbeitung von Blechteilen durch schnelle, wiederholgenaue Stanzprozesse.

Mechanische Verfahren

Zu den etablierten mechanischen Verfahren zählen Stanzen, Nibbeln und CNC-basierte Verarbeitung. Sie sind vor allem wegen ihrer hohen Skalierbarkeit weit verbreitet. Ist das Werkzeug einmal eingerichtet, lassen sich große Stückzahlen wirtschaftlich und reproduzierbar fertigen, insbesondere in der Automobil- und Elektronikindustrie. Diese Verfahren arbeiten mit mechanischer Krafteinwirkung, um Material zu schneiden, zu formen oder abzutragen. Der direkte Eingriff in den Werkstoff bleibt dabei nicht ohne Folgen für dessen Gefüge und Eigenschaften.

Beim Scheren durch einen Stempel oder ein Schneidwerkzeug wird das Metall plastisch verformt. Diese dauerhafte Veränderung der Materialstruktur betrifft nicht nur die unmittelbare Schnittzone, sondern auch angrenzende Bereiche, in denen Grate, Kantenverformungen und lokale Spannungen entstehen können. Studien zur Oberflächenintegrität belegen, dass beim Bearbeiten mechanische und thermische Belastungen entstehen, die die Eigenschaften unterhalb der Oberfläche verändern und Eigenspannungen erzeugen können. Dies kann die Ermüdungsfestigkeit und die Langzeitzuverlässigkeit beeinträchtigen.

Dies erfordert in der Regel zusätzliche Bearbeitung wie Entgraten, Schleifen oder Polieren, um die funktionalen Anforderungen zu erfüllen. Die Bildung von Graten ist eine bekannte und weitgehend unvermeidbare Folge der Bearbeitung. Untersuchungen zu Leichtmetalllegierungen zeigen, dass gerade das Entgraten als notwendiger, jedoch nicht wertschöpfender Prozess gilt, der Aufwand und Kosten erheblich steigern kann.

Auch Eigenspannungen sind kritisch zu bewerten. Das britische National Physical Laboratory (NPL) weist darauf hin, dass durch Bearbeitungs- und Umformprozesse innere Spannungen entstehen können, die insbesondere bei Präzisionsbauteilen zu Verzug, verringerter Lebensdauer und Maßinstabilität führen.

Darüber hinaus können mechanische Prozesse praktische Grenzen für die erzielbare Geometrie setzen. Die Herstellung sehr feiner Merkmale, scharfer Innenecken oder dünner, empfindlicher Strukturen kann spezielle Werkzeuge oder sekundäre Bearbeitungsvorgänge erfordern.

Der Werkzeugverschleiß erschwert die Produktion im Laufe der Zeit zusätzlich und beeinträchtigt die Maßgenauigkeit und Prozesskonsistenz. Die oben genannte Studie hebt auch hervor, dass der Werkzeugverschleiß die Bearbeitungsleistung beeinflusst, insbesondere bei Präzisionsanwendungen, die enge Toleranzen erfordern.

Mit Laserschneidmaschinen lassen sich komplexe Geometrien und feine Strukturen realisieren, die mit mechanischen Werkzeugen nur schwer umsetzbar wären.

Mit Laserschneidmaschinen lassen sich komplexe Geometrien und feine Strukturen realisieren, die mit mechanischen Werkzeugen nur schwer umsetzbar wären.

Thermische Formgebung

Thermische Verfahren wie Laser-, Plasma- oder Funkenerodierprozesse setzen konzentrierte Energie ein, um Material entlang einer definierten Kontur zu schmelzen oder zu verdampfen.

Dadurch lassen sich komplexe Geometrien und feine Strukturen realisieren, die mit mechanischen Werkzeugen nur schwer umsetzbar wären. Da keine mechanischen Schneidkräfte wirken, entfallen viele Verformungseffekte klassischer Zerspanungsprozesse. Allerdings bringt der Wärmeeintrag eigene werkstofftechnische Herausforderungen mit sich. Beim lokalen Energieeintrag entsteht eine sogenannte Wärmeeinflusszone (WEZ). In diesem Bereich wird das Material thermisch belastet und erfährt mikrostrukturelle Veränderungen, auch wenn es nicht vollständig aufschmilzt.

Studien zeigen, dass diese Veränderungen die mechanischen Eigenschaften deutlich beeinflussen können. Untersuchungen aus dem Jahr 2021 belegen beispielsweise Festigkeitsverluste von bis zu 50 Prozent bei Aluminiumlegierungen sowie eine Reduktion der Prüfspannung um bis zu 70 Prozent, je nach Materialzustand und thermischer Belastung.

Das NPL stellte außerdem fest, dass die bei der Bearbeitung entstehenden Restspannungen extrem hohe Werte erreichen können, typischerweise etwa 500 MPa und bei harten Werkstoffen bis zu mehreren Gigapascal. Solche Spannungsniveaus können die Biegefestigkeit und die Langzeitperformance eines Bauteils erheblich beeinflussen.

Darüber hinaus können thermische Schneidverfahren Umschmelzschichten erzeugen. Dabei handelt es sich um dünne Schichten aus wieder erstarrtem Material, die entstehen, wenn geschmolzenes Metall an der Schnittfläche schnell abkühlt. Diese weisen häufig veränderte Gefüge- und Festigkeitseigenschaften auf und machen zusätzliche Nachbearbeitungsschritte erforderlich, um die gewünschte Oberflächenqualität sicherzustellen.

Beim chemischen Ätzen erfolgt der Materialabtrag nicht durch Kraft oder Wärme, sondern durch gezielt gesteuerte chemische Reaktionen.

Beim chemischen Ätzen erfolgt der Materialabtrag nicht durch Kraft oder Wärme, sondern durch gezielt gesteuerte chemische Reaktionen.

Chemische Bearbeitung

Eine Alternative stellt das chemische Ätzen dar, auch als Photochemisches Ätzen (PCM) bekannt. Hier erfolgt der Materialabtrag nicht durch Kraft oder Wärme, sondern durch gezielt gesteuerte chemische Reaktionen. Eine Fotolackmaske wird aufgebracht, um die Geometrie des Bauteils zu definieren, bevor das freiliegende Metall selektiv mit Ätzmitteln aufgelöst wird. Da der Materialabtrag rein chemisch erfolgt, treten weder plastische Verformungen noch Wärmeeinflusszonen auf.

Aktuelle Fertigungsanalysen beschreiben PCM als spannungsfreies Verfahren, bei dem keine Eigenspannungen, Grate oder Verzüge entstehen. Härte, Gefüge und Duktilität des Ausgangsmaterials bleiben unverändert, da weder mechanische noch thermische Belastungen eingebracht werden. Eine 2025 im Journal of Tribology veröffentlichte Studie kommt zudem zu dem Ergebnis, dass sich photochemische Verfahren besonders für Mikrostrukturen und Präzisionskomponenten eignen, bei denen Werkstoffintegrität und Maßgenauigkeit entscheidend sind.

Ein weiterer Vorteil liegt in der Werkzeugstrategie: Statt harter Werkzeuge wie Matrizen oder Stempel kommen Fotowerkzeuge zum Einsatz. Diese lassen sich schnell herstellen und einfach anpassen, was Designiterationen beschleunigt und Werkzeugkosten reduziert. Da kein mechanischer Verschleiß auftritt, bleibt die Präzision über die gesamte Produktionsdauer konstant. Aus technischer Sicht unterstützt dies eine schnellere Produktentwicklung und ermöglicht es den Herstellern, sich schnell an veränderte Designanforderungen anzupassen und schließt damit den Kreis zur eingangs erwähnter Bedeutung der Prozessauswahl.

Aktuelle Fertigungsanalysen beschreiben das Photochemische Ätzen (PCM) als spannungsfreies Verfahren, bei dem keine Eigenspannungen, Grate oder Verzüge entstehen.

Aktuelle Fertigungsanalysen beschreiben das Photochemische Ätzen (PCM) als spannungsfreies Verfahren, bei dem keine Eigenspannungen, Grate oder Verzüge entstehen.

Photochemische Verfahren eignen sich besonders für Mikrostrukturen und Präzisionskomponenten, bei denen Werkstoffintegrität und Maßgenauigkeit entscheidend sind.

Photochemische Verfahren eignen sich besonders für Mikrostrukturen und Präzisionskomponenten, bei denen Werkstoffintegrität und Maßgenauigkeit entscheidend sind.

Prozessauswahl mit klarem Verständnis

Die Wahl des Fertigungsverfahrens beeinflusst maßgeblich die Leistung und Zuverlässigkeit eines Bauteils. Bei der mechanischen Formgebung wird Kraft ausgeübt, bei der thermischen Formgebung wird Wärme zugeführt, und beides kann die Materialintegrität beeinträchtigen. Beim chemischen Ätzen hingegen wird Material entfernt, ohne dass Kraft oder Wärme zugeführt werden, sodass Ingenieure die Materialeigenschaften erhalten und gleichzeitig präzise Geometrien erzielen können.

Ein klares Verständnis dieser Unterschiede ermöglicht fundierte, strukturierte Entscheidungen bei der Prozessauswahl, damit die Fertigung die Designintention unterstützt und nicht ungewollt beeinträchtigt. Aus diesem Grund sollte die Wahl des Fertigungsverfahrens nicht auf Gewohnheit beruhen, sondern auf einer systematischen Bewertung technischer Alternativen.

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