interview
Fachkräfte 2035: Handwerker werden die wohlhabendsten Menschen sein
Die Industrie befindet sich mitten in einem tiefgreifenden Wandel. Digitalisierung, Künstliche Intelligenz und Automatisierung verändern Prozesse, Geschäftsmodelle und vor allem die Anforderungen an Fachkräfte. Zugleich verschärfen Demografie, fehlende Qualifikationen und ein starres Bildungssystem den Druck auf Unternehmen. Im Rahmen der Intertool X Schweissen in Wels sprachen wir mit Dr. Markus Tomaschitz, Chief Human Resources Officer und Unternehmenssprecher von AVL, über die Zukunft technischer Berufe, den Zerspanungstechniker im Jahr 2035 und warum Österreich dringend ein neues Verständnis von Ausbildung braucht.
„Die Zukunft der Industrie entscheidet sich vor allem daran, wie gut wir Menschen auf technologische Veränderungen vorbereiten. Fachkräfte bleiben der ausschlaggebende Erfolgsfaktor – nur ihre Aufgaben und Kompetenzen werden sich grundlegend verändern.“ Dr. Markus Tomaschitz, Chief Human Resources Officer und Unternehmenssprecher, AVL
Zur Person
Dr. Markus Tomaschitz ist seit 2021 Chief Human Resources Officer (CHRO) und Unternehmenssprecher der AVL List GmbH. Bereits seit 2015 verantwortet er als Vice President Corporate HR den Personalbereich des Unternehmens.
Der studierte Betriebswirt absolvierte seine Ausbildung an der Karl-Franzens-Universität Graz sowie einen MBA an der California State University. Vor seiner Tätigkeit bei AVL war Tomaschitz unter anderem Geschäftsführer der FH Joanneum GmbH, Executive Director der Magna Education and Research GmbH sowie Mitglied des europäischen Vorstands der Magna International Europe AG. Seine Schwerpunkte liegen in den Bereichen Arbeitswelt der Zukunft, Bildung, Fachkräfteentwicklung und industrielle Transformation.
Herr Dr. Tomaschitz, bevor wir über Fachkräfte und Zukunft sprechen: War für Sie eigentlich immer klar, dass Sie im Bereich Human Resources tätig sein würden?
Nein, eigentlich überhaupt nicht. Mein ursprünglicher Berufswunsch war Sportreporter. Ich bin mit Persönlichkeiten wie Hans Huber oder Franz Grünedl aufgewachsen und fand diese Welt faszinierend. Studiert habe ich Wirtschaft, aber die Begeisterung für Menschen und Kommunikation war immer da. Irgendwann hat sich daraus der Weg Richtung Human Resources entwickelt.
Im Rahmen der Intertool X Schweissen sprach Ing. Robert Fraunberger (links) mit Dr. Markus Tomaschitz über Fachkräftemangel, Bildung, KI und die industrielle Transformation.
„Ob Zerspanung, Automatisierung oder Künstliche Intelligenz – die industrielle Zukunft braucht mehr denn je qualifizierte Menschen. Wesentlich wird sein, wie früh Bildung, Wirtschaft und Politik beginnen, gemeinsam an den Fachkräften von morgen zu arbeiten.“
Sie verantworten diesen Bereich heute bei AVL in einem hochtechnologischen Umfeld. Wie stark spüren Sie aktuell den Fachkräftemangel?
Sehr stark – und zugleich erleben wir ein interessantes Paradoxon. Einerseits befinden wir uns wirtschaftlich in einer der schwierigsten Phasen seit Jahrzehnten. Andererseits fehlt es massiv an Fachkräften. Das hat mehrere Gründe: Die geburtenstarken Jahrgänge gehen zunehmend in Pension und gleichzeitig kommen unten zu wenige Menschen mit den passenden Qualifikationen nach. Vor allem im MINT-Bereich sehen wir ein deutliches Mismatch zwischen dem, was Unternehmen brauchen, und dem, was junge Menschen heute studieren oder erlernen wollen.
Was hat sich im Vergleich zu früher verändert?
Zum einen gibt es heute deutlich mehr Maturanten. Das klingt zunächst positiv, führt aber dazu, dass uns viele junge Menschen in der betrieblichen Ausbildung fehlen – insbesondere in technischen Lehrberufen. Früher sind viele HTL-Absolventen direkt ins Berufsleben eingestiegen. Heute studieren sie oft weiter. Dadurch entsteht eine Lücke in der industriellen Praxis.
Zum anderen hat sich die Haltung zur Arbeit verändert. Berufswege verlaufen heute viel flexibler. Sabbaticals, Bildungskarenzen oder berufliche Neuorientierungen gehören mittlerweile selbstverständlich dazu. Unternehmen müssen darauf reagieren und deutlich flexibler werden.
Dr. Markus Tomaschitz hielt auf der Intertool X Schweissen zudem einen Fachvortrag zum Thema „Arbeitswelt 2035 – Produktionschancen für Österreich“. Das komplette Video zum Vortrag ist via QR-Code abrufbar.
Blicken wir gleich in die Zukunft: Wie „sieht“ der Facharbeiter im Jahr 2035 aus?
Bis 2035 wird sich enorm viel verändern. Die demografische Entwicklung wird voll durchschlagen, wir werden deutlich stärker automatisieren und Künstliche Intelligenz einsetzen. Das bedeutet aber nicht, dass der Mensch verschwindet. Ganz im Gegenteil. Die Anforderungen verschieben sich. Der Facharbeiter der Zukunft wird analytischer arbeiten, stärker vernetzt denken und Technologien aktiv steuern müssen. Entscheidend werden drei Fähigkeiten sein: analytisches Denken, Kreativität und Kommunikation. Die Menschen müssen lernen, Muster zu erkennen, komplexe Zusammenhänge zu verstehen und mit anderen effektiv zu kommunizieren.
Bedeutet das, dass sich die Rolle des Menschen stärker Richtung Prozess- und Datenmanagement verschiebt?
Absolut. Es geht künftig darum, mit Künstlicher Intelligenz zu arbeiten und sie gezielt einzusetzen. Wer KI versteht, effizient prompten kann und eigene digitale Werkzeuge nutzt, wird enorme Produktivitätssprünge erzielen. Die eigentliche Stärke des Menschen wird aber weiterhin dort liegen, wo Kontext, Kreativität und Kommunikation gefragt sind. Routinearbeiten werden zunehmend automatisiert. Dadurch entsteht mehr Raum für Innovation, Produktentwicklung und Problemlösung.
Dr. Markus Tomaschitz (rechts) und Ing. Robert Fraunberger diskutierten intensiv über die Zukunft der Industrie. Das Gespräch wurde für den Video- und Podcast x-technik FERTIGUNGSTECHNIK aufgezeichnet.
KI also als Lösung für den Fachkräftemangel?
Ja, ganz klar. KI wird ein wesentlicher Teil der Lösung sein. Wir werden aufgrund der Demografie ohnehin weniger Menschen zur Verfügung haben. Technologie hilft uns dabei, fehlende Kapazitäten zu kompensieren. Dabei darf KI aber nicht nur ein Thema der IT-Abteilung sein. Das ist eine strategische Aufgabe für die gesamte Unternehmensführung. Entscheidend ist, wo und wie man sie sinnvoll einsetzt.
Außerdem hört man oft die Sorge, dass KI Arbeitsplätze vernichten könnte.
Kurzfristig sehe ich das nicht. Im Gegenteil: KI entlastet Menschen und stabilisiert den Arbeitsmarkt. Langfristig besteht das Risiko eher darin, dass die vorhandenen Qualifikationen nicht mehr zu den neuen Anforderungen passen. Das eigentliche Problem wird also kein Mangel an Jobs sein, sondern ein Mismatch zwischen Anforderungen und Fähigkeiten.
Ist unser Bildungssystem auf diese Entwicklung vorbereitet?
Nein, aktuell definitiv nicht. Unsere Lehrpläne orientieren sich noch stark an der industriellen Revolution, aber nicht an der technologischen Revolution, die wir gerade erleben. Wir müssen Bildung völlig neu denken. Das beginnt bereits in der Volksschule. Kinder müssen früh lernen, mit Technologien umzugehen, und zugleich weiterhin analytisch denken können. Ich halte nichts davon, klassische Bildung komplett durch Digitalisierung zu ersetzen. Man braucht beides: Technologiekompetenz und geistiges Training.
Sie sprechen oft davon, dass Bildung früher beginnen muss. Bedeutet das auch früheren Kontakt mit Technik?
Unbedingt. Wir müssen junge Menschen wieder stärker an Werkstoffe, Werkzeuge und handwerkliches Arbeiten heranführen. Dieses Haptische ist in den letzten Jahren verloren gegangen. Früher gab es oft noch Werkstätten zuhause, Kinder konnten zuschauen und mitarbeiten. Heute fehlt dieser Zugang vielfach. Deshalb muss die Schule diese Aufgabe übernehmen und Begeisterung für Technik vermitteln.
Die Lehre hat gesellschaftlich oft nicht den Stellenwert, den sie verdient.
Das ist ein großes Problem. Noch immer hört man oft: „Mein Kind muss studieren.“ Dabei bin ich überzeugt, dass die wohlhabendsten Menschen der Zukunft die gut ausgebildeten Handwerker sein werden. Installateure, Schweißer, Schlosser oder hochqualifizierte Facharbeiter werden mehr denn je gebraucht werden. Deshalb müssen wir die berufliche Ausbildung massiv stärken.
Welche Rolle spielt dabei die Politik?
Eine zentrale Rolle. Unternehmen, Politik und Bildungseinrichtungen müssen gemeinsam definieren, wo Österreich in 20 oder 30 Jahren stehen soll. Bildungsreformen wirken erst mit enormer Verzögerung. Daher müssen wir heute überlegen, welche Kompetenzen wir 2035 brauchen werden. Dabei reicht es nicht, bestehende Systeme leicht anzupassen. Wir müssen vieles komplett neu denken.
Österreich gilt als Hochlohnland. Wie können wir im internationalen Wettbewerb bestehen?
Über Produktivität und Innovation, wobei KI hier entscheidend sein wird. Zudem brauchen Unternehmen stabile Rahmenbedingungen und Planungssicherheit. Investitionen entstehen nur dort, wo Vertrauen in den Standort vorhanden ist.
Trotz aller Herausforderungen wirken Sie grundsätzlich optimistisch.
Das bin ich auch. Österreich und Deutschland haben enorme industrielle Kompetenz aufgebaut – im Maschinenbau, in der Automobilindustrie oder in der Luftfahrt. Wir können uns an Veränderungen anpassen. Entscheidend ist, dass wir den Unternehmen die richtigen Rahmenbedingungen geben und wieder mehr Zuversicht entwickeln. Ich glaube fest daran, dass Europa alle Möglichkeiten hat, technologisch weiterhin eine führende Rolle einzunehmen.
Abschließend: Welchen Rat würden Sie jungen Menschen heute geben?
Sich möglichst viel anzuschauen. Viele Jugendliche kennen nur wenige Berufe wirklich. Dabei gibt es unzählige spannende Möglichkeiten. Leidenschaft entsteht oft erst dann, wenn man etwas erlebt oder ausprobiert hat. Aus diesem Grund sind Messen wie die Intertool X Schweissen so wichtig. Hier kann man Technik angreifen, erleben und verstehen. Und daraus entsteht dann Begeisterung für Industrie und Technologie.

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