interview
Vom Wintermantel zur Hightech-Fertigung
Wie ein Wintermantel, drei Generationen und ein klarer Blick auf die Zukunft ein Wiener Familienunternehmen geprägt haben Die Brisker GmbH zählt zu jenen österreichischen Fertigungsbetrieben, deren Geschichte man nicht vergisst: Sie beginnt 1950 mit einer gegen einen Wintermantel eingetauschten Drehbank und führt heute zu einem hoch automatisierten Präzisionsbetrieb in Wien. Im Interview sprechen Ing. Johann Brisker und sein Sohn René Wysoudil, MSc. über Herkunft, Herausforderungen sowie Perspektiven eines Wiener Familienunternehmens und warum Präzision in Serie in Österreich nicht nur möglich, sondern notwendig ist.
Ing. Johann Brisker und René Wysoudil, MSc – Vater und Sohn, die Brisker mit klaren Zielen in die Zukunft führen: Präzision, Automatisierung, Wettbewerbsfähigkeit.
Zum Unternehmen
Die Brisker GmbH mit Sitz in Wien wurde 1950 gegründet und wird heute in dritter Generation von Ing. Johann Brisker und René Wysoudil, MSc. geführt. Das Familienunternehmen fertigt präzise Dreh- und Frästeile in Klein- und Mittelserien und hat sich auf komplexe Bauteile für den Schienenfahrzeugbau, die Medizintechnik, die Bühnen- und Veranstaltungstechnik sowie die Mess- und Prüftechnik spezialisiert. Moderne CNC-Technologie, automatisierte Fertigungsprozesse und digitale Werkzeugverwaltung bilden die Basis für stabile Abläufe und reproduzierbare Qualität. Brisker setzt bewusst auf den Standort Österreich und investiert kontinuierlich in Automatisierung und Digitalisierung, um auch künftig wettbewerbsfähig zu bleiben.
Brisker GmbH
Rautenweg 39 A-1220 Wien
Tel. +43 1-25950-17
https://www.brisker.at
Herr Brisker, was bedeutet für Sie der Anspruch „Präzision in Serie“?
Johann Brisker: Wenn wir von Präzision in Serie sprechen, meinen wir die Fähigkeit, komplexe Bauteile über lange Zeiträume in gleichbleibender Qualität zu produzieren. In Österreich gibt es keine „günstigen Teile“ mehr; die einfachen Komponenten sind längst ins Ausland abgewandert und für heimische Lohnfertiger bleiben die technisch anspruchsvollen und heiklen Bauteile. Genau auf diesen Bereich haben wir uns fokussiert und darin sehen wir unsere Chance. Das bedeutet im Alltag hochstabile Prozesse, reproduzierbare Qualität, verlässliche Abläufe und die Fähigkeit, sowohl Kleinserien als auch langlaufende Teile über viele Jahre hinweg konstant und zuverlässig zu fertigen.
Die neueste Automatisierungszelle bei Brisker: flexible 3- und 5-Achs-Fertigung – autonom, präzise und prozesssicher.
Sie fertigen mitten in Wien, eine ungewöhnliche Standortwahl. Warum bleiben Sie bewusst hier?
Brisker: Wien bietet als Standort für uns viele Vorteile. Zum einen ist er historisch gewachsen und zum anderen bietet die Stadt Fördermöglichkeiten, die andere Bundesländer in dieser Form nicht anbieten. Wir sind in einem Gewerbegebiet angesiedelt, das uns damals zur Verfügung gestellt wurde und seither konnten wir auch regelmäßig von Unterstützungen profitieren, insbesondere bei Investitionen in neue Maschinen und Anlagen. All das schafft eine stabile Basis, um hier langfristig erfolgreich zu fertigen.
Automatisiertes CNC-Drehen bei Brisker: Roboterhandling für maximale Präzision und Prozesssicherheit.
Die Firmengeschichte beginnt 1950 mit einer ungewöhnlichen und bemerkenswerten Gründungsszene. Können Sie diese noch einmal schildern?
Brisker: Ja gerne. Mein Vater hat nach dem Krieg einen Wintermantel, den er von einem russischen Soldaten erhalten hat, gegen eine defekte Drehbank eingetauscht. Mit dieser Maschine hat er die ersten Arbeiten ausgeführt und sich selbstständig gemacht. So hat alles begonnen. Damals war der Betrieb überhaupt sehr breit aufgestellt: Schweißarbeiten, Brennschneiden, Blechbearbeitung – man hat damals einfach alles gemacht, was nötig war. Mein Vater fertigte sogar künstlerische Metallarbeiten, darunter auch den Adler im österreichischen Parlament. Die öffentliche Anerkennung erhielt damals der Künstler, doch hergestellt wurde er von meinem Vater. Nur wenige wissen das heute. Diese Vielseitigkeit, der Mut zum Improvisieren und der ausgeprägte Erfindergeist haben das Fundament unseres Unternehmens gelegt.
Brisker setzt ein klares Zeichen: Zukunftsfähige Fertigung geht nur mit Automatisierung.
Herr Wysoudil, Sie vertreten heute die dritte Generation. War für Sie immer klar, ins Unternehmen einzusteigen?
René Wysoudil: Nein, ganz und gar nicht. Ich habe ursprünglich in einem anderen Berufsfeld gearbeitet und eine andere Ausbildung verfolgt. Aber durch den engen Kontakt zu meinem Vater und die ständige Auseinandersetzung mit dem Betrieb habe ich gemerkt, dass mich die Technik und die Vielfalt der Aufgaben anziehen. Als die Entscheidung anstand „weiterführen oder schließen?“, war für mich klar: Ich möchte einsteigen und meinen Beitrag leisten. Heute bin ich sehr froh über diese Entscheidung, weil die Herausforderungen und Gestaltungsmöglichkeiten unglaublich vielfältig sind.
Brisker steht für „Präzision in Serie“ – bei jedem Teil, in jeder Losgröße.
Wie funktioniert die Zusammenarbeit zwischen Vater und Sohn im täglichen Betrieb?
Brisker: Für mich ist es definitiv leichter geworden. René entlastet mich in vielen Bereichen und bringt frische Sichtweisen ein.
Wysoudil: Wir haben ein sehr gutes Verhältnis und das ist für mich die wichtigste Grundlage. Wir sprechen täglich miteinander, stimmen Entscheidungen ab und unterstützen uns gegenseitig. Wir sehen uns nicht als zwei getrennte Einheiten, sondern als ein gemeinsames Team. Ohne diese Basis wäre die Zusammenarbeit in einem Familienbetrieb deutlich schwieriger.
Höchste Genauigkeit, perfekte Oberflächen und verlässliche Prozesse prägen die Fertigungsphilosophie der Firma Brisker.
„Wir investieren bewusst in den Standort, weil wir an das Potenzial unseres Unternehmens glauben und langfristig wachsen wollen. Gleichzeitig möchten wir damit ein klares Signal setzen, dass hochwertige Fertigung auch in Österreich Zukunft haben kann.“
Die wirtschaftliche Lage ist herausfordernd. Wie erleben Sie die aktuelle Situation?
Brisker: Überraschend positiv. Entgegen den Medienberichten sind wir mit unserer Auftragslage zufrieden. Dass wir nie in die Automobilindustrie eingestiegen sind, war im Rückblick ein großer Vorteil. Diese Branche war zwar verlockend, aber letztlich immer mit Risiko verbunden. Heute sind wir froh, dass wir uns auf Branchen konzentriert haben, die weniger volatil und mit denen wir gewachsen sind.
Welche Branchen sind heute Ihre wichtigsten Standbeine?
Wysoudil: Der Schienenfahrzeugbau ist unser größter Bereich. Wir fertigen dort eine enorme Bandbreite an Komponenten: Kolben, Scheinwerfergehäuse, Teile für die Innenraumbeleuchtung, Komponenten für Bremssysteme oder Niveauausgleiche. Darüber hinaus beliefern wir die Medizintechnik, den Bühnenbau sowie Hersteller von Messgeräten.
Wie gehen Sie mit steigenden Energie- und Lohnkosten in Österreich um?
Wysoudil: Die Stromkosten waren vor zwei Jahren eine große Herausforderung, da wir in kurzer Zeit mit einer Verdreifachung der Energiepreise konfrontiert waren. Das war eine enorme Belastung. Lohnkosten sind ein Thema, das man nicht ignorieren kann, aber es betrifft alle. Und innerhalb Europas gleichen sich die Unterschiede ohnehin an. Die klassischen „Billiglohnländer“ in der Nähe sind nicht mehr so günstig, wie man glaubt. Letztlich bleibt uns nur, über Effizienz und Technologie gegenzusteuern.
Automatisierung ist ein Schlüssel dafür. Wie hat sich dieses Thema bei Ihnen entwickelt?
Brisker: Unsere erste automatisierte Fräsmaschine mit Roboter haben wir bereits vor 15 Jahren in Betrieb genommen. Für uns war das damals ein großer Schritt, doch die Bedienung erwies sich als so umständlich, dass die Mitarbeiter die Bauteile lieber händisch einlegten. Inzwischen hat sich hier sehr viel verändert und die Automatisierung ist heute ein zentraler Baustein unserer Fertigung. Sie ermöglicht stabile Abläufe, hohe Effizienz und eine nachhaltige Wettbewerbsfähigkeit.
Wysoudil: Für uns war klar: Der Fachkräftemangel zwingt uns, technologisch voranzugehen. Automatisierung gibt uns die Freiheit, unabhängig von Schichtmodellen zu produzieren und gleichzeitig neue Mitarbeiterrollen zu schaffen, mit mehr Planung und weniger reiner Einlegearbeit. Die Kombination aus hoher Flexibilität und automatisierter, stabiler Prozesskette macht uns attraktiv für neue Projekte. Vor allem bei komplexen Bauteilen sehen wir großes Potenzial.
Sie haben ähnlich viele Maschinen wie Mitarbeiter. Wie organisieren Sie eine durchgehend hohe Auslastung?
Brisker: Standardisierung ist das A und O. Früher hatten wir verschiedene Steuerungen im Haus, das war ein Fehler. Heute setzen wir konsequent auf einheitliche Systeme sowie gleiche Werkzeuglogiken. Das erleichtert Umstellungen, Vertretungen und Schichtwechsel enorm.
Wysoudil: Darüber hinaus sind eine effiziente Produktionsplanung und keine Insellösungen der Schlüssel zum Erfolg. Nur so können wir gewährleisten, dass ein Mitarbeiter mehrere Maschinen betreut und gleichzeitig stabile Prozesse gewährleistet bleiben.
Welche Rolle spielt Digitalisierung in Ihrem Unternehmen?
Wysoudil: Wir implementieren gerade neue Softwarelösungen für Werkzeugverwaltung und Maschinenvernetzung. Digitalisierte Werkzeuginformationen, einheitliche Datenflüsse und vernetzte Maschinen sind essenziell, um die Automatisierung wirklich auszuschöpfen. Die Automatisierung ist nur ein Bauteil, erst die digitalen Prozesse machen sie effizient.
Wie sehen Ihre aktuellen Betriebszeiten aus?
Brisker: Beim Drehen arbeiten wir in der Regel ein- bis eineinhalbschichtig, beim Fräsen bereits zweischichtig. Unser klares Ziel ist die dritte, mannlose Schicht. Ohne derartige Modelle ist eine wirtschaftlich tragfähige Fertigung in Österreich auf lange Sicht kaum denkbar.
Hat der Fertigungsstandort Österreich aus Ihrer Sicht Zukunft?
Wysoudil: Ja, der Standort hat Zukunft, wenn man bereit ist, sich weiterzuentwickeln. Wer heute nicht investiert, wird es in den kommenden Jahren schwer haben. Ich bin überzeugt, dass in der Branche ein Umdenken stattfinden wird. Viele Unternehmen erkennen zunehmend, dass sie ohne Automatisierung, Digitalisierung und stabile Prozesse langfristig nicht wettbewerbsfähig bleiben können. Vielleicht braucht es dafür noch etwas mehr Leidensdruck, doch ich bin sicher, dass die Fertigung auch in Österreich bestehen wird. Wir setzen jedenfalls klar auf den Standort und erweitern unsere Flächen, weil wir an dieses Potenzial glauben und wachsen wollen.
Zum Abschluss: Was wünschen Sie sich persönlich für die Zukunft?
Brisker: Ich wünsche mir, dass ich meinen Sohn noch viele Jahre unterstützen kann und dass wir weiterhin gemeinsam Sport machen. Wir sind beide Triathleten und diese gemeinsame Leidenschaft gibt uns Energie und stärkt unser Verhältnis zusätzlich.
Wysoudil: Mir ist wichtig, jeden Tag mit Freude in die Arbeit zu gehen. Wenn wir das Unternehmen gemeinsam weiterentwickeln, stabile Arbeitsplätze schaffen und unseren Mitarbeitern echte Chancen eröffnen, dann bedeutet das für mich Erfolg. Mein Ziel ist es, das Unternehmen Brisker auf die nächste Stufe zu heben und dabei eine positive Haltung zu bewahren, ganz gleich, wie herausfordernd die äußeren Rahmenbedingungen manchmal sein mögen.
„Automatisierung ist für uns kein Selbstzweck, sondern eine Notwendigkeit, um auch in Österreich wettbewerbsfähig zu bleiben. Sie schafft die Basis dafür, Prozesse stabiler zu machen und gleichzeitig neue, qualifizierte Aufgaben im Unternehmen zu ermöglichen.“






Teilen: · · Zur Merkliste