interview
Digitalisierung ja klar, aber wie?
Wenn man Fertigungsprozesse neu plant oder optimieren möchte, kommt man am Thema Digitalisierung nicht vorbei. Während unseres Besuchs bei der Walter AG in Tübingen sprachen wir mit Michael Rein, Manager Sales Process, und Thomas Vollmer, Technischer Trainer bei der Walter AG, über die richtige Herangehensweise an Digitalisierungsprojekte, den zunehmenden Einfluss von KI auch im Bereich der Zerspanungstechnik sowie über den Wandel und die Zukunft der Ausbildung.
Robert Fraunberger sprach mit Thomas Vollmer und Michael Rein (v.r.n.l.) über die Möglichkeiten und Vorteile der Digitalisierung im Bereich der Fertigungstechnik. (Bilder: x-technik)
Über die Gesprächspartner:
Michael Rein ist seit 2008 bei der Walter AG. Nach einer Ausbildung zum Industriemechaniker und einem Maschinenbaustudium beschäftigt er sich seit 2013 mit der Prozessoptimierung im Vertrieb. Seit 2020 ist er als Manager Sales Process verantwortlich für den digitalen (und traditionellen) Vertriebsprozess und wie man damit für den Kunden Mehrwerte schaffen kann.
Thomas Vollmer begann als Maschinenbauingenieur und verbrachte sein Berufsleben in der Arbeitsvorbereitung und in der Produktion des Druckmaschinenbaus. Seit zwölf Jahren ist er bei der Walter AG tätig und gibt sein gesammeltes Fachwissen in technischen Trainings weiter, sowohl an die eigenen Mitarbeiter als auch an die Kunden im deutschsprachigen Bereich. Trainingsschwerpunkte sind die wertschöpfenden Zerspanungsprozesse und das Erkennen von Kostentreibern und Leistungslücken im operativen Bereich von Unternehmen.
Herr Rein, Herr Vollmer, die Digitalisierung beschäftigt die Fertigungsindustrie nun schon seit geraumer Zeit. Ist das brisante Thema denn in der Industrie zwischenzeitlich auch angekommen?
Rein: Also aus meiner Sicht gibt es kaum eine erfolgreiche Fertigung mehr, die komplett ohne Digitalisierung auskommt. Und ja, ich würde schon sagen, dass es zwischenzeitlich bei den meisten Kunden an der Tagesordnung ist, die Digitalisierung im eigenen Unternehmen voranzutreiben.
Vollmer: Ich sehe das ähnlich. Das Bewusstsein ist angekommen, insbesondere bei den jüngeren Menschen. Die Generation Z, die nach 1995 geboren wurde, ist in einer digitalen Welt groß geworden. Sie kommunizieren unter anderem über unterschiedliche Social-Media-Kanäle, sind gut miteinander vernetzt, informieren sich auf digitalen Plattformen und leben in der digitalen Welt. Für diese Generation ist dieser Wandel, der sich abzeichnet, natürlich und sie nehmen diesen Wandel auch nicht als Bedrohung wahr, sondern eher als Chance.
Die Digitalisierung bringt einen Wandel mit sich und dieser muss angenommen werden, insbesondere von den Personen, die mit den neuen Prozessen arbeiten müssen. Michael Rein, Manager Sales Process bei der Walter AG.
Wo sind ihrer Meinung nach noch die größten Hürden im Bereich der Digitalisierung?
Rein: Eine der größeren Hürden ist das Change-Management. Eine Digitalisierung bringt immer einen Wandel mit sich und dieser muss angenommen werden, insbesondere von den Personen, die mit den neuen Prozessen arbeiten müssen. Das ist definitiv eine Herausforderung.
Vollmer: Ganz wichtig ist, dass man die Digitalisierung als Chance sieht und nicht als Bedrohung. Es wird einfacher, wenn man sich dieser Herausforderung stellt und sie auch wirklich als Chance begreift. In Kombination mit der Automatisierung entstehen durch Digitalisierung große Potenziale, um Produktionskosten weiter senken zu können. Künstliche Intelligenz wird diesen Wandel nochmals verstärken und auch die Möglichkeit bieten, Prozesse weitestgehend automatisiert durchführen zu können.
Die Digitalisierung muss zwingend in die Lehrpläne einziehen, egal ob es sich um eine allgemeine oder berufliche Ausbildung handelt. Thomas Vollmer, zuständig für technische Trainings bei der Walter AG
Das bedeutet im Umkehrschluss aber auch, dass Unternehmen, die sich diesen Aufgaben nicht stellen, zukünftig scheitern könnten oder sogar werden?
Rein: … mit Sicherheit scheitern werden. KI ist bereits Realität und eine Welt ohne KI wird es nicht mehr geben. Wer sich dieser Welt oder Technologie verschließt, wird aus meiner Sicht scheitern. Der Einzug der KI im Bereich der Fertigungstechnik wird die Digitalisierungsprozesse nochmals deutlich beschleunigen.
Vollmer: Zudem wird sich das Berufsbild des Zerspanungsmechanikers wandeln müssen. Heutzutage stehen eher operative Tätigkeiten im Fokus, zukünftig wird aber der Prozess an sich im Mittelpunkt stehen. Digitale Automatisierungsprojekte werden verstärkt Einzug halten, das ist ganz klar. Maschinen werden selbst lernen, sich selbst optimieren und sind untereinander vernetzt. Wir sprechen also von komplexen Prozessen, in die der Mensch, mit entsprechenden Fähigkeiten und Erfahrungen, eingreifen können muss, falls Störungen auftreten. Denn Störungen wird es auch in der der digitalen Welt geben, da wir es mit der Fertigung von realen Bauteilen zu tun haben.
Im Technology Center der Walter AG in Tübingen steht die Digitalisierung im Mittelpunkt.
Macht das die Zerspanung auch ein Stück weit interessanter für junge Menschen?
Rein: Mit Sicherheit wird dadurch das Berufsbild interessanter – besonders für junge Menschen.
Vollmer: Plakativ betrachtet wandert die Arbeit von den Händen in den Kopf. Den Spezialisten in dem Sinne wird es zukünftig vielleicht gar nicht mehr so geben. Das können KI-Lösungen ein Stück weit ersetzen. Wir brauchen eher Generalisten, die den Überblick behalten – wir müssen schließlich Prozesse managen und nicht nur einzelne Maschinen. Deswegen wird sich auch das Bild des Maschinenführers oder des Zerspanungsmechanikers wandeln zu einer Art Anlagenmanager, würde ich mal sagen.
Die Trainings bei Walter werden als mehrteiliges Programm angeboten und basieren auf digitalen Angeboten.
Müssen Ausbildungskonzepte für die Zukunft angepasst und optimiert werden?
Vollmer: Auf jeden Fall. Die Digitalisierung muss in die Lehrpläne einziehen, egal ob es sich um eine allgemeine oder berufliche Ausbildung handelt. Die Verantwortung liegt hier beim Staat und der Politik, damit die entsprechenden Rahmenbedingungen gesetzt werden können. Das muss möglichst schnell passieren, denn die Digitalisierung schreitet rasend schnell voran.
Rein: Speziell junge Menschen haben ein viel stärkeres Interesse, in der digitalen Welt zu arbeiten. Das heißt, wenn Lehrpläne nicht angepasst werden und wir uns den Digitalisierungsmöglichkeiten verschließen, dann stehen wir irgendwann vor der Schwierigkeit, neue bzw. potenzielle zukünftige Fachkräfte anzuwerben.
Das Walter Technology Center wurde 2016 erbaut und bietet auf 5.000 m² und vier Etagen eine Fabrik der Zukunft.
Nützt Walter denn KI schon im Bereich der Ausbildung?
Vollmer: Also KI in dem Sinne nutzen wir in der praktischen Aus- und Weiterbildung noch nicht. Wir nutzen im Training die digitalen Medien, die wir unseren Kunden zur Verfügung stellen und die auf der Walter-Homepage heruntergeladen werden können. Die verwende ich dann in den Trainingssituationen, um beispielsweise bestimmte Aufgabenstellungen mit deren Hilfe zu lösen. Wie z. B. das Walter GPS, eine Software, die auf eine große Datenbank zurückgreift und dann aufgrund der dort hinterlegten Algorithmen die wirtschaftlichste Zerspanungslösung für die jeweilige Bearbeitungsaufgabe aufzeigt.
Rein: KI befindet sich bei Walter noch nicht an der Tagesordnung, aber wir nutzen die Vorteile bereits in einigen Bereichen. So z. B. als Berater, um eigene Ideen herauszufordern, quasi ins Sparring zu gehen mit der KI. Wir betrachten die KI als Experte, der uns ergänzen und vielleicht noch mal eine andere Sichtweise auf die Thematik geben kann. Und natürlich nutzen wir sie auch, um unsere eigenen Prozesse effizienter zu gestalten und schneller zu werden.
Das vollständige Interview ist auch als Video/Podcast abrufbar.
Walter GPS und Daten war ein gutes Stichwort, denn schlussendlich sind doch die Daten der Schlüssel für eine erfolgreiche Digitalisierung, oder nicht?
Rein: Ja, ganz sicher. Die Daten müssen auf der einen Seite schon vorhanden sein und andererseits muss ich auch wissen, welche Daten ich nutzen muss, um eine Entscheidung zu treffen. In einem analogen Entscheidungsprozess werden sehr viele Entscheidungen von uns Menschen unterbewusst getroffen. Ein digitaler Entscheidungsprozess basiert auf Daten und dokumentierten Erfahrungen. Diese Daten bestmöglich und immer zur Verfügung zu stellen, sind die großen Herausforderungen.
Vollmer: Trotzdem haben wir es vor Ort oft mit realen Problemen zu tun. Eine KI kann nicht unmittelbar helfen, wenn ich einen Verschleiß oder ein gebrochenes Werkzeug feststelle und die Ursachen dafür herausfinden möchte. Hier sind nach wie vor menschliche, kognitive Fähigkeiten gefragt. Und die haben etwas mit Erfahrung, mit Wissen zu tun. In unseren Trainings bieten wir genau dieses Wissen, das auch in der digitalen Welt vonnöten ist, um reale Probleme in der Praxis händeln zu können. Lösungen wie Walter GPS helfen hier enorm.
Wie soll ein Unternehmen das Thema Digitalisierung also angehen?
Rein: Ich denke, am wichtigsten ist es, sich bewusst zu machen, welche unterbewussten Entscheidungen in den internen Abläufen mit eingebunden sind und sich dann auch bewusst die Datenbasis zu schaffen, um diese Entscheidungen digitalisieren zu können. Zudem sollte man nicht zu viele Digitalisierungsprojekte parallel vorantreiben. Meist wird man dann insgesamt langsamer und kann Fortschritte nicht so schnell erkennen. Wichtig ist es auch, den Wandel aktiv zu moderieren und die erzielten Vorteile im Team zu kommunizieren.
… sich also auf das Wesentliche konzentrieren?
Rein: Genau, und größere Probleme vielleicht auch in kleinere Schritte runterbrechen. Ich muss nicht einen End-to-End-Prozess am Anfang digitalisieren, es reicht vielleicht auch, wenn ich einen kleinen Schritt digitalisiere oder automatisiere.
Die Walter AG hat sicherlich einen globalen Überblick über die Digitalisierung. Wie stehen wir hier im DACH-Raum im Vergleich zu anderen Regionen dieser Welt?
Rein: Ich würde sagen, dass wir mit der großen Masse mitschwimmen. Es gibt mit Sicherheit Vorreiter, aber ich würde jetzt nicht sagen, dass wir als DACH-Raum hinterherhinken oder etwas verschlafen.
Vollmer: Also ich denke auch, dass viele Betriebe bereits ganz gut aufgestellt sind und das Bewusstsein zu digitalisieren auch verankert ist. Aber natürlich muss das auch in die schulische Bildung einfließen und hier haben wir sicherlich ein Defizit. An den Universitäten bzw. Hochschulen ist eine topmoderne Ausstattung und auch schnelle Internetverbindung meist State of the Art, aber in den allgemeinbildenden oder vor allem an den berufsbildenden Schulen oft noch nicht. Aber das ist Voraussetzung, um mit den digitalen Medien zu arbeiten. Vor allem müssen die Ausbilder in der Lage sein, das notwendige Wissen zu vermitteln. Da geht es also um mehr als nur um die Infrastruktur. Das bildet die Basis, damit der zukünftige Fachkräftenachwuchs die notwendigen Fähigkeiten für die Betriebe mitbringt.
Das ist eine klare Botschaft an die Politik, mehr Geld in die Ausbildung zu investieren, oder?
Vollmer: Absolut. Davon profitieren wir nicht nur hier im DACH-Raum, sondern in ganz Europa. Das ist ganz wichtig, weil unser Wohlstand sonst dauerhaft gefährdet ist. Das ist ein Asset, das gepflegt werden und wofür Geld in die Hand genommen werden muss. Das beginnt bei der technischen Infrastruktur sowie neuen Lehrplänen, um die bestehenden digitalen Möglichkeiten zu vermitteln und endet mit wesentlich mehr Geld im Bereich der Forschung. Ansonsten wird es schwierig, zukünftig die besten Fachkräfte im Land zu halten.
Rein: Dem kann ich nur zustimmen – die klugen Köpfe suchen nach entsprechenden Möglichkeiten, auch in ihrer Ausbildung. Und wenn wir das in Europa oder im DACH-Raum nicht bieten, dann werden diese Fachkräfte abwandern, da sie auch weniger ortsgebunden sind als früher.
Aber auch in den Betrieben muss es doch neue Ausbildungskonzepte und Trainingsangebote geben?
Vollmer: Logisch, den Betrieben bleibt eigentlich gar nichts anders übrig, als selbst entsprechende Weiterbildungskonzepte und Trainingsangebote zu entwickeln und anzubieten. Größere Unternehmen realisieren dies mit eigenen Akademien, in denen die nötigen Kompetenzfelder und Funktionen an die Mitarbeiter vermittelt werden. Jedoch muss nicht alles selbst gemacht werden – vieles lässt sich auch über digitale Medien von Drittherstellern realisieren. Und es ist wichtig, dass das Bewusstsein bei den Menschen vorhanden ist, sich auch fit für die Zukunft am Arbeitsplatz zu halten. Das bringt die Digitalisierung mit sich.
Wenn wir in die Zukunft blicken, wie wird denn eine Fabrik in zehn Jahren aussehen?
Rein: Auch in der Zukunft wird kein Span digital erzeugt werden und die Intelligenz, also der Mensch, wird weiterhin vor der Maschine sitzen und die Oberhand behalten. Aber er wird immer effizienter werden, durch die Zuarbeit von Digitalisierung und automatisierten Lösungen. Die KI wird helfen, schneller zu entscheiden und sich wirklich auf die Entscheidungen konzentrieren zu können, die Mehrwerte schaffen.
Was wollen Sie abschließend noch unseren Lesern auf dem Weg zur Digitalisierung mitgeben?
Vollmer: Man sollte die Digitalisierung und die KI nicht als Bedrohung empfinden, sondern als Chance für sich erkennen und sich diesem Wandel auch offen zeigen.
Rein: Dem kann ich mich nur anschließen, denn die Digitalisierung wird uns ein Leben lang begleiten, auch und vor allem im Bereich der produzierenden Industrie.
Vielen Dank für das Gespräch.
Produkt im Bericht
Walter Walter GPS
Walter GPS ist ein digitales Navigationssystem, das Anwender gezielt und effizient durch das umfassende Werkzeugangebot der Walter AG führt. Das leistungsstarke System ermöglicht eine schnelle und präzise Auswahl der wirtschaftlichsten Werkzeug- und Bearbeitungslösung, sei es beim Bohren, Gewinden, Drehen oder Fräsen.








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