interview

Univ.-Prof. DI Dr. Friedrich Bleicher über Digitalisierung, KI, autonome Systeme und europäische Wettbewerbsfähigkeit

Zerspanung neu denken: Digitalisierung, KI, datengetriebene Prozesse und autonome Fertigungssysteme verändern derzeit nicht nur Werkzeugmaschinen und Produktionsabläufe, sondern ganze Wertschöpfungssysteme. Gleichzeitig stehen Europas Industriebetriebe unter massivem Wettbewerbsdruck: hohe Energiekosten, geopolitische Verschiebungen und ein immer schnellerer Technologiewandel fordern neue Strategien. Univ.-Prof. DI Dr. Friedrich Bleicher, Leiter des Instituts für Fertigungstechnik und Photonische Technologien an der TU Wien, begleitet diese Entwicklungen seit Jahrzehnten – wissenschaftlich wie industriell. Während der Intertool X Schweissen in Wels sprachen wir über die Zukunft der Zerspanung, die Rolle der KI in der Fertigung und weshalb Forschung, Industrie und Politik jetzt gemeinsam handeln müssen.

„Ein Bit und ein Byte verändern noch kein reales Bauteil. Wertschöpfung entsteht weiterhin an der Schneidkante.“
Univ.-Prof. DI Dr. Friedrich Bleicher, Leiter des Instituts für Fertigungstechnik und Photonische Technologien an der TU Wien

„Ein Bit und ein Byte verändern noch kein reales Bauteil. Wertschöpfung entsteht weiterhin an der Schneidkante.“ Univ.-Prof. DI Dr. Friedrich Bleicher, Leiter des Instituts für Fertigungstechnik und Photonische Technologien an der TU Wien

Zur Person:

Univ.-Prof. DI Dr. Friedrich Bleicher ist Leiter des Instituts für Fertigungstechnik und Photonische Technologien an der TU Wien und zählt international zu den renommiertesten Experten im Bereich der Fertigungstechnik und Zerspanung. Seine Forschungsschwerpunkte in der Zerspanung reichen von Werkzeugmaschinen, Prozessdynamik und datengetriebener Fertigung über Sensorik und adaptive Prozesse bis hin zu Digitalisierung, KI und autonomen Produktionssystemen. Gemeinsam mit Industriepartnern arbeitet er an innovativen Lösungen zur Steigerung von Produktivität, Prozesssicherheit und Energieeffizienz in der modernen Fertigung.

Herr Univ.-Prof. DI Dr. Bleicher, wie wichtig sind Formate wie die Intertool heute noch für die Branche?

Sehr wichtig. Besonders in einer Zeit, in der sich Technologien so schnell verändern, braucht es Plattformen für Austausch, Diskussion und Vernetzung. Die Intertool zeigt sehr schön die gesamte Prozesskette, von der Maschine über Werkzeuge und Messtechnik bis hin zu Digitalisierung und CAD/CAM-Systemen. Exakt darum geht es heute: nicht mehr um Einzeltechnologien, sondern um die Effizienz der gesamten Wertschöpfungskette. Solche Veranstaltungen motivieren Unternehmen auch, ihre eigenen Prozesse weiterzuentwickeln und Innovationen aktiv anzugehen.

Im Rahmen der Intertool X Schweissen diskutierte Ing. Robert Fraunberger (links) mit Univ.-Prof. DI Dr. Friedrich Bleicher über Digitalisierung, KI, autonome Systeme und europäische Wettbewerbsfähigkeit.

Im Rahmen der Intertool X Schweissen diskutierte Ing. Robert Fraunberger (links) mit Univ.-Prof. DI Dr. Friedrich Bleicher über Digitalisierung, KI, autonome Systeme und europäische Wettbewerbsfähigkeit.

Univ.-Prof. DI Dr. Friedrich Bleicher
Leiter des Instituts für Fertigungstechnik und Photonische Technologien, TU Wien

„Die Zukunft der Zerspanung wird datengetrieben sein. Entscheidend ist aber nicht die Menge der Daten, sondern die Fähigkeit, daraus in Echtzeit die richtigen Entscheidungen für stabile, produktive und energieeffiziente Prozesse abzuleiten.“

Ihre Laufbahn ist stark von der Fertigungstechnik geprägt. Wie entstand diese Leidenschaft?

Der berühmte Satz „Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm“ trifft wahrscheinlich ganz gut zu. Mein Vater war im Maschinenbau tätig und dadurch hatte ich schon früh Berührungspunkte mit Technik und Mechanik. Wenn man als Kind sieht, was der Vater macht, vielleicht sogar ein bisschen basteln darf, prägt das natürlich. Im Studium hat mich dann besonders die Interdisziplinarität der Fertigungstechnik fasziniert. Man verbindet Maschinen, Prozesse, Werkstoffe, Präzision und wirtschaftliche Wertschöpfung miteinander. Diese Kombination hat mich nachhaltig begeistert.

Univ.-Prof. DI Dr. Friedrich Bleicher, Leiter des Instituts für Fertigungstechnik der TU Wien, referierte auf der Intertool X Schweissen über die Zukunft der Zerspanungstechnik – von Digitalisierung und KI bis hin zu autonomen Fertigungssystemen und nachhaltigen Produktionskonzepten. Das vollständige Video des Fachvortrags ist via QR-Code abrufbar.

Univ.-Prof. DI Dr. Friedrich Bleicher, Leiter des Instituts für Fertigungstechnik der TU Wien, referierte auf der Intertool X Schweissen über die Zukunft der Zerspanungstechnik – von Digitalisierung und KI bis hin zu autonomen Fertigungssystemen und nachhaltigen Produktionskonzepten. Das vollständige Video des Fachvortrags ist via QR-Code abrufbar.

Was treibt Sie nach so vielen Jahrzehnten in Forschung und Entwicklung heute noch an?

Ganz klar die Wertschöpfung. Sie ist die Lebensader jeder Volkswirtschaft. Die Fertigungstechnik schafft aus einem Rohmaterial ein hochwertiges Produkt und entlang dieser Wertschöpfung entstehen wiederum zahlreiche weitere industrielle Aktivitäten. Zeitgleich erleben wir aktuell eine enorme Transformation: Digitalisierung, Automatisierung und KI verändern die Industrie fundamental. Diese Entwicklung mitzugestalten und Lösungen für die Industrie zu entwickeln, ist extrem spannend. Unsere Aufgabe als Hochschule ist es, Technologien hervorzubringen, Menschen auszubilden und Innovationen in die Anwendung zu bringen.

Univ.-Prof. DI Dr. Friedrich Bleicher
Leiter des Instituts für Fertigungstechnik und Photonische Technologien, TU Wien

„Europa muss technologisch wieder mutiger werden. Wir haben die Kompetenz, die Erfahrung und die industrielle Basis. Jetzt geht es darum, daraus neue industrielle Stärke und Zukunftsperspektiven zu entwickeln.“

Welche Entwicklungen waren aus Ihrer Sicht die wichtigsten Meilensteine der modernen Zerspanung?

Es gab immer wieder Technologieschübe. Einer der größten war sicherlich die CNC-Technik. Damit wurde die Maschine informationsverarbeitend und gleichzeitig präziser und reproduzierbarer als der Mensch selbst. Danach kamen enorme Fortschritte bei Schneidstoffen, Beschichtungen und Werkzeugtechnologien. Parallel dazu entwickelte sich die Computerisierung der Industrie, vom Übergang vom Zeichenbrett zum CAD-System bis hin zu Computer Integrated Manufacturing, also CIM. Viele dieser Themen verliefen in Zyklen: große Euphorie, danach Ernüchterung und später die tatsächliche industrielle Umsetzung. Just das erleben wir derzeit auch wieder bei der Digitalisierung.

Ing. Robert Fraunberger unterhielt sich für den Video- und Podcast x-technik FERTIGUNGSTECHNIK mit Univ.-Prof. DI Dr. Friedrich Bleicher, Leiter des Instituts für Fertigungstechnik der TU Wien, über die Zukunft der Zerspanung, Digitalisierung, KI und die Wettbewerbsfähigkeit des europäischen Fertigungsstandorts.

Ing. Robert Fraunberger unterhielt sich für den Video- und Podcast x-technik FERTIGUNGSTECHNIK mit Univ.-Prof. DI Dr. Friedrich Bleicher, Leiter des Instituts für Fertigungstechnik der TU Wien, über die Zukunft der Zerspanung, Digitalisierung, KI und die Wettbewerbsfähigkeit des europäischen Fertigungsstandorts.

Gab es Technologien, die zwar stark gehypt wurden, sich aber nicht wirklich durchgesetzt haben?

Teilweise schon. Besonders bei Datenplattformen und offenen Ökosystemen sehen wir bis heute viele ungelöste Fragen. Viele Anbieter sprechen von offenen Standards, in Wahrheit funktionieren diese aber oft nur innerhalb der jeweiligen Produktwelt. Ein echtes gemeinsames Datenökosystem existiert bislang kaum. Dort liegt aber eine wesentliche Herausforderung für die Zukunft der Digitalisierung.

Apropos Digitalisierung, wo steht die Branche aktuell beim Thema Digitalisierung?

Die Digitalisierung ist angekommen, allerdings sehr heterogen. Jeder weiß, dass man sich mit dem Thema beschäftigen muss, aber viele Systeme sind noch nicht durchgängig integriert. Standards fehlen teilweise noch. Wir sind heute definitiv weiter als noch vor zehn Jahren, aber die große Vision der vollständig vernetzten Industrie wurde bislang noch nicht flächendeckend Realität. Trotzdem sehen wir jetzt exakt jene Dekade, in der viele Technologien tatsächlich reif werden.

Digitale Zwillinge und KI gelten als zentrale Zukunftstechnologien. Wie sehen Sie deren Rolle?

Der Digitale Zwilling wird zunehmend unverzichtbar. Im CAD/CAM-Bereich ist die Simulation heute bereits Standard, etwa bei Kollisionskontrollen oder der Abbildung von Maschinendynamiken. Der nächste Schritt ist, komplette Fertigungsprozesse inklusive Prozessstabilität digital abzubilden. KI hilft uns dabei enorm. Wir sprechen heute über datengetriebene Fertigung. Das bedeutet: Prozesse messen, verstehen und auf Basis von Maschinen- und Prozessmodellen in Echtzeit optimieren. KI kann komplexe Zusammenhänge erkennen, die mit klassischen physikalischen Modellen kaum noch vollständig beschreibbar sind. Genau darin liegt ihr enormes Potenzial.

Welche Technologien werden die Zerspanung bis 2035 am stärksten verändern?

Zwei große Themen sehe ich ganz klar: autonome Produktionssysteme und KI-gestützte Prozesse. KI verändert derzeit insbesondere die Softwareentwicklung massiv. Entwicklungszyklen werden deutlich schneller und komplexe Systeme besser beherrschbar. Zugleich entstehen zunehmend autonome Fertigungssysteme – Stichwort „Dark Factory“. Darüber hinaus wird die Fähigkeit entscheidend sein, große Datenmengen schnell auszuwerten und daraus adaptive Prozesse abzubilden. Daran arbeiten wir intensiv.

Welche Rolle spielt dabei der Mensch?

Der Mensch bleibt zentral. Ein Bit und ein Byte verändern noch kein reales Bauteil. Am Ende erzeugt immer noch die Schneidkante die Geometrie. Die reale Welt bleibt die Grundlage unserer Industrie. Digitale Systeme unterstützen uns dabei, Prozesse effizienter und präziser zu machen. Aber die Wertschöpfung entsteht weiterhin physikalisch, auf der Maschine, im Werkzeug und im realen Fertigungsprozess.

Wie bewerten Sie die Wettbewerbsfähigkeit Europas?

Zunächst einmal brauchen wir mehr Selbstbewusstsein. Europa verfügt über enorme Kompetenzen in Maschinenbau, Serien- und Präzisionsfertigung. Viele Regionen der Welt orientieren sich technologisch weiterhin an uns. Zudem dürfen wir aber nicht überheblich werden. Die globale Konkurrenz entwickelt sich sehr schnell weiter. Wir erleben aktuell massive wirtschaftliche Verschiebungen: Produktionsstandorte in Asien sind technologisch stark geworden und bedienen zunehmend ihre eigenen Märkte. Das zwingt Europa dazu, innovativ zu bleiben und neue Technologiefelder aktiv zu besetzen. Hierin liegt unsere Zukunft.

Wie stark wird Nachhaltigkeit die Zerspanung künftig beeinflussen?

Nachhaltigkeit wird ein zentraler Faktor bleiben, nicht nur aus regulatorischen Gründen, sondern auch wirtschaftlich. Energieeffizienz ist unmittelbar mit Wettbewerbsfähigkeit verbunden. Der energieeffizienteste Prozess ist letztlich jener, der hochproduktiv läuft und die Grundlastzeiten minimiert. Außerdem müssen wir lernen, Produktion und Energieverfügbarkeit stärker miteinander zu koppeln. Höhere Automatisierungsgrade eröffnen hier völlig neue Möglichkeiten. Zusätzlich befassen wir uns intensiv damit, Energieverbrauch in Maschinen und Prozessen gezielt zu analysieren und nur dort Energie einzusetzen, wo sie tatsächlich notwendig ist.

Woran forschen Sie aktuell besonders intensiv?

Ein großer Schwerpunkt ist die datengetriebene Fertigung. Wir versuchen, Prozesse möglichst nahe an die physikalischen Grenzen zu bringen – also schneller, präziser und zur selben Zeit stabiler zu fertigen. Dafür integrieren wir Sensorik direkt nahe an die Schneidkante. Gemeinsam mit Daten aus der Maschinensteuerung entsteht so ein sehr detailliertes Prozessabbild. Damit können wir Verschleiß frühzeitig erkennen, adaptive Prozesse realisieren und Werkzeuge optimal ausnutzen. Schlussendlich ist das Ziel eine hochproduktive und gleichzeitig prozesssichere Fertigung.

Wie wichtig ist dabei die Zusammenarbeit zwischen Forschung und Industrie?

Extrem wichtig. Österreich verfügt glücklicherweise über sehr starke kooperative Forschungsformate. Genau das ist entscheidend. Forschung darf nicht isoliert stattfinden, sondern muss gemeinsam mit Unternehmen konkrete industrielle Problemstellungen lösen. Die Unternehmen bringen die realen Use Cases ein, Forschung und Entwicklung liefern neue Lösungsansätze. Diese Zusammenarbeit ist essenziell, um die aktuelle industrielle Transformation erfolgreich zu bewältigen.

Abschließend gefragt: Wird Europa die industrielle Transformation schaffen?

Davon bin ich überzeugt. Wir haben die Kompetenzen, wir haben starke Unternehmen, gute Forschungseinrichtungen und engagierte Menschen. Jetzt geht es darum, gemeinsam Fahrt aufzunehmen – Industrie, Forschung, Politik und Gesellschaft. Wenn wir innovativ bleiben und unsere technologischen Stärken zielstrebig weiterentwickeln, wird Europa auch in Zukunft ein bedeutender Industriestandort bleiben.

Vielen Dank für das Gespräch!

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