interview
WFL entwickelt Komplettbearbeitung weiter: von Clamp Once zu Closed Door Machining
Mit Komplettbearbeitung komplexer Bauteile hat sich WFL weltweit einen Namen gemacht. Das Linzer Unternehmen liefert Millturn-Maschinen in anspruchsvolle Branchen wie Energie, Aerospace, Kunststofftechnik oder Schwerzerspanung und hat sich auch in wirtschaftlich fordernden Zeiten stark entwickelt. Im Video- und Podcast x-technik FERTIGUNGSTECHNIK sprachen wir mit Christian Jagersberger, Vice President of Sales bei WFL, über die aktuelle Lage der internationalen Werkzeugmaschinenbranche, den Erfolg des Linzer Komplettbearbeitungsspezialisten, steigende Automatisierungsanforderungen, Turnkey-Projekte, Retrofit, Kundennähe und die nächsten Entwicklungsschritte.
WFL ist trotz eines schwierigen Umfelds sehr gut aufgestellt. Entscheidend ist, dass wir nahe am Kunden bleiben, unsere Lösungen weiterentwickeln und auch bei Automatisierung, Turnkey-Projekten und Closed Door Machining konsequent vorangehen. Christian Jagersberger, Vice President of Sales, WFL Millturn Technologies GmbH & Co. KG
„WFL hat in den letzten Jahren viel bewegt, aber wir sehen noch großes Potenzial. Der nächste Schritt ist, unsere Millturn-Technologie noch stärker mit Automatisierung und Software zu verbinden – bis hin zum Closed Door Machining.“
Herr Jagersberger, können Sie sich kurz vorstellen und Ihren Weg bei WFL beschreiben?
Ich bin seit knapp 15 Jahren bei WFL. Begonnen habe ich im Vertrieb für Südamerika, danach kamen schrittweise weitere Märkte dazu. Ich war mehrere Jahre in Nordamerika tätig, bin vor Covid wieder nach Europa zurückgekommen und habe anschließend den nordamerikanischen Markt als Teamleiter betreut. Später wurde mein Bereich um England und Israel erweitert. Seit rund eineinhalb Jahren bin ich globaler Vertriebsleiter bei WFL.
High-End-Kurbelwellenbearbeitung auf der Millturn M80X von WFL: Der Scheibenfräser kann über eine WFL-Automatisierung automatisch gewechselt werden. Dadurch entfallen manuelle Eingriffe und Nebenzeiten werden deutlich reduziert.
Sind Sie damit für alle Märkte und Branchen verantwortlich?
Ja, für alle Märkte weltweit. Unser Vertrieb ist nicht nach Branchen, sondern nach Ländern organisiert. Das funktioniert, weil unser Verkaufsteam technisch auf einem sehr hohen Niveau ist. Die Mitarbeiter kennen die Anwendungen, verstehen die Bauteile und können Kunden über verschiedene Industrien hinweg fundiert betreuen.
Kurbelwellenbearbeitung auf der Millturn M80X von WFL: Die steigende Nachfrage aus der Energieindustrie und der Trend zur Automatisierung sorgen bei WFL für Rückenwind.
Was macht diese Aufgabe für Sie persönlich reizvoll?
Ich habe schon viel im Ausland gelebt, unter anderem in Mexiko, Dänemark und den USA. Dieses internationale Arbeiten liegt mir. Bei WFL kommt dazu, dass wir mit sehr interessanten Kunden und Industrien zu tun haben – von der Luftfahrt über die Energieindustrie bis zur Kunststofftechnik. Jede Woche bringen Kunden neue Bauteile und Herausforderungen zu uns. Viele Anwendungen haben mit Zukunftstechnologien zu tun. Es gibt kein ziviles Flugzeug ohne WFL, und auch bei Raketen von SpaceX oder Ariane sind unsere Maschinen im Spiel. Für ein solches Unternehmen zu arbeiten ist schon etwas Besonderes.
Christian Jagersberger (rechts) und Robert Fraunberger sprechen im Video- und Podcast x-technik FERTIGUNGSTECHNIK über globale Märkte, den Wachstumskurs von WFL, Turnkey-Lösungen und die nächste Stufe der Automatisierung – von Clamp Once zu Closed Door Machining.
Sie sind viel unterwegs. Wie nehmen Sie die aktuelle wirtschaftliche Lage wahr?
Die Lage ist fordernd. Für viele Unternehmen ist die fehlende Planbarkeit derzeit das größte Problem. Politische Entscheidungen und geopolitische Entwicklungen verändern Rahmenbedingungen sehr schnell. Das macht langfristige Investitionsentscheidungen schwieriger. Für WFL ist das mit unseren im Vergleich zu Standardmaschinen längeren Projektlaufzeiten natürlich ein Thema.
Grundsätzlich habe ich aber nicht den Eindruck, dass die Wirtschaft schlecht läuft. Manche Industrien leiden stark unter technologischen Umbrüchen, etwa die Automobilindustrie. Andere Bereiche ziehen wieder an. Die Entwicklung rund um Künstliche Intelligenz und der dadurch steigende Energiebedarf sind gute Beispiele. Für uns funktioniert das momentan gut, auch wenn das Umfeld anspruchsvoll bleibt.
Innenbearbeitung auf der Millturn M70 von WFL: Ein neu entwickelter Winkelkopf ermöglicht den automatischen Werkzeugwechsel aus dem Standardmagazin und reduziert damit manuelle Eingriffe bei komplexen Bauteilen.
WFL hat sich in den vergangenen Jahren sehr stark entwickelt. Woran liegt das aus Ihrer Sicht?
Es gibt mehrere Gründe. Wir haben in neue Mitarbeiter, Ausbildung und ein starkes internationales Vertriebsteam investiert. Dazu kamen neue Niederlassungen, etwa in Italien, Kanada und England. Damit sind wir in wichtigen Märkten näher bei unseren Kunden – im Vertrieb, aber auch im Service.
Produziert wird weiterhin in Linz. Viele Servicetätigkeiten finden heute aber direkt in den Märkten statt. Das war ein wichtiger Schritt. Dazu kommt, dass für WFL relevante Industrien aktuell gut laufen. Vor allem die Energieindustrie entwickelt sich stark. Dazu zählen Großkurbelwellen für Notstromaggregate, Turbinenläufer und ähnliche Bauteile. Die Welt braucht mehr Energie, und für diese Anwendungen können wir sehr gute Lösungen anbieten.
Turnkey-Lösungen von WFL: Maschine, Technologie, Software, Anwendungstechnik und Automatisierung werden zu einem prozesssicheren Gesamtpaket kombiniert.
Warum ist WFL gerade bei solchen Bauteilen gut aufgestellt?
Bei Großkurbelwellen haben wir seit 25 bis 30 Jahren viel Erfahrung. Wir verfügen über eigene Softwarelösungen, mit denen sich diese komplexen Geometrien schneller und einfacher programmieren lassen. Eine Kurbelwelle ist auf einer CNC-Maschine kein einfaches Bauteil.
Dazu kommt, dass die Stückzahlen steigen. Dadurch wird auch bei Großkurbelwellen Automatisierung interessant. WFL ist Komplettanbieter von Maschine und Automatisierung. Wir nennen das Systemgeschäft. Wir können in Linz komplette automatisierte Zellen aufbauen, die Technologie entwickeln, testen und einfahren, bevor die Anlage zum Kunden geht. Das ist ein großer Vorteil gegenüber Anbietern, die nur Teilbereiche abdecken.
Rund 1.000 Gäste aus aller Welt kamen zum WFL Technologiemeeting nach Linz, um sich über Millturn-Neuheiten, Automatisierungslösungen und Turnkey-Konzepte zu informieren.
Welche Dimensionen haben solche Projekte?
Die Laufzeiten reichen von etwa zwölf Monaten bis zu zweieinhalb oder drei Jahren. Aktuell arbeiten wir an einem Großprojekt in den USA mit insgesamt 25 Maschinen. Die Installation erfolgt über rund zweieinhalb Jahre. Das liegt nicht nur an uns – der Kunde muss etwa Hallen vorbereiten und Infrastruktur schaffen. Solche Projekte sind groß und binden natürlich auch bei uns Kapazitäten.
Wie behält WFL die Lieferzeiten trotzdem im Griff?
Unsere Lieferzeiten für individuelle Maschinen sind relativ normal geblieben. Intern läuft derzeit ein Effizienzprojekt mit dem Namen WFL Workflow Level. Dabei prüfen alle Abteilungen, wo Abläufe verbessert werden können – vom Angebot über Konstruktion, Arbeitsvorbereitung und Montage bis zur Auslieferung. Gerade bei hoher Auslastung ist es wichtig, Prozesse sauber zu führen und Montageplätze planbar freizubekommen.
Welche Rolle spielt die Kundennähe im Geschäftsmodell von WFL?
Für uns ist die Kundenbeziehung entscheidend. Wir stellen ein Premiumprodukt her und sind nicht die günstigsten am Markt. Der Kunde kauft bei WFL aber nicht nur eine Maschine, sondern ein Gesamtpaket. Das beginnt beim Angebot und den technischen Ausarbeitungen, geht über garantierte Stückzeiten und Bauteilqualitäten bis zur Auftragsabwicklung, zum Service und später auch zum Gebrauchtmaschinen- oder Retrofit-Geschäft.
Wird Retrofit für WFL wichtiger?
Ja, definitiv. Allerdings ist Retrofit komplexer, als es manchmal klingt. Eine 20 Jahre alte Maschine auf einen neuen Softwarestand zu bringen, ist keine Sache von zwei Wochen. Häufig kaufen wir Maschinen im Rahmen einer Ersatzinvestition zurück, überholen sie in Linz und bringen sie anschließend als gebrauchte WFL-Maschine wieder auf den Markt. Diese Maschinen erreichen wieder die ursprüngliche Präzision und werden mit Garantie verkauft.
Dafür gibt es einen großen Kundenkreis. Nicht jeder braucht immer die neueste Maschine. Für viele Bauteile ist eine überholte WFL eine sehr gute Lösung. Der Kunde kennt die Qualität, und wenn die Maschine bei uns einen Retrofit bekommen hat, ist sie wieder für viele Jahre einsatzbereit.
WFL liefert Maschine, Technologie, Software, Anwendungstechnik und Automatisierung. Wie lässt sich diese Komplexität intern steuern?
Ein wichtiger Punkt ist unser Auftrags- und Projektmanagement. Ab Auftragserteilung wird ein Projektmanager eingebunden. Er ist für den Kunden das zentrale Gesicht des Projekts und koordiniert intern die Fachabteilungen. Das ist bei normalen Projekten wichtig und bei hoher Auslastung noch wichtiger. Zeitpläne müssen halten, weil wir unsere Montagekapazitäten für die nächsten Projekte brauchen.
Welche Bedeutung haben Turnkey-Lösungen?
In unseren Zielindustrien sind sie sehr wichtig. Die Investitionssummen sind hoch, und der Kunde will Sicherheit. Er möchte wissen, dass er sein Bauteil in der zugesagten Zeit und Qualität fertigen kann. Rund 70 Prozent unserer Maschinen verkaufen wir mit technologischen Turnkey-Lösungen.
Bei Kunden, die bereits mehrere WFL-Maschinen betreiben, ist das nicht immer notwendig. Dort ist viel Erfahrung vorhanden. Bei Neukunden ist es aber oft entscheidend, dass wir Qualität und Stückzeit garantieren. Am Ende kauft man bei WFL eine Lösung und nicht einfach eine Maschine.
Bleibt WFL auch nach der Inbetriebnahme eingebunden?
Ja. Wir bieten Produktionsunterstützung und Schulungen an. Unsere Schulungsabteilung ist relativ groß. Dort werden Kunden auf Software, Programmierung und Wartung geschult – praktisch jede Woche sind Kunden hier. Das gehört zu unserem Gesamtpaket. Wir bauen keine riesigen Stückzahlen. Jeder Kunde ist wichtig. Deshalb müssen wir präsent bleiben und das einhalten, was wir versprechen.
Automatisierung war beim Technologiemeeting eines der zentralen Themen. Was steckt bei WFL dahinter?
Eine entscheidende Weichenstellung war 2017 der Kauf der Firma Frai, die mittlerweile vollständig in WFL integriert ist. Seither hat das Thema Automatisierung stark an Fahrt aufgenommen. Im vergangenen Jahr wurden erstmals mehr als die Hälfte der ausgelieferten Maschinen automatisiert. Wir sind dabei nicht auf eine Lösung festgelegt. Wir realisieren Roboterautomatisierungen genauso wie Portallösungen und haben über die Jahre viel Wissen aufgebaut, wie eine Millturn-Maschine am besten automatisiert wird. Diese Erfahrung hilft uns heute enorm. Automatisierte Anlagen von WFL laufen inzwischen in den USA, in Europa und in Indien.
Ist Automatisierung weltweit gleich stark gefragt?
Nein, aber der Trend ist überall spürbar. In China ist der Automatisierungsgrad in Hightech-Bereichen sehr hoch. Das Bild vom Billiglohnland passt dort längst nicht mehr. Auch in Asien sind qualifizierte Mitarbeiter nicht in beliebiger Zahl verfügbar. Kunden automatisieren, weil sie für Nachtschichten oder Wochenendarbeit ebenfalls kaum Personal finden.
Was bedeutet das für den Fertigungsstandort Europa?
Europa hat sehr viel Know-how, sehr gute Techniker und starke Unternehmen. Darauf müssen wir aufbauen. Ich sehe aber kritisch, wenn bei staatlich subventionierten Großinvestitionen asiatische Maschinen zum Zug kommen. Mir wäre lieber, wenn europäische Maschinen stärker berücksichtigt würden – egal ob sie aus Österreich, Spanien oder einem anderen europäischen Land kommen.
Was braucht Europa, um in der Fertigung vorne zu bleiben?
Wir müssen innovativ bleiben. Bei WFL beschäftigen wir uns in regelmäßigen Strategiezyklen mit der Frage, wohin sich der Markt entwickelt. Beim Technologiemeeting haben wir beispielsweise eine neue Schruppmaschine für Kurbelwellen präsentiert. Dabei kommt ein Scheibenfräser zum Einsatz, mit dem sich starke Schruppbearbeitungen realisieren lassen. Neu ist, dass dieses Werkzeug über eine WFL-Automatisierung automatisch gewechselt werden kann. Der Werker muss damit nicht mehr lange bei offener Maschinentür Wendeschneidplatten wechseln.
Welche weiteren Highlights wurden in Linz gezeigt?
Wir hatten mehrere große Maschinen in der Ausstellung, darunter zwölf Meter lange Millturns. Dazu kam eine Maschine für sehr lange Stangen, die durch die Maschine geführt werden können. Ein weiteres Highlight war ein neuer Winkelkopf, den wir gemeinsam mit einem Partner entwickelt haben.
Was ist an diesem Winkelkopf besonders?
Er wurde auf der M70 gezeigt und ist meines Wissens der erste Winkelkopf am Markt mit automatischem Werkzeugwechsel aus dem Standardmagazin. Hat die Maschine 200 Werkzeuge im Magazin, könnten theoretisch bis zu 200 Werkzeuge für diesen Winkelkopf bereitstehen. Gerade bei rohrförmigen Bauteilen mit viel Innenbearbeitung ist das interessant, weil die Tür nicht ständig geöffnet werden muss. Wir entwickeln uns damit von „Clamp Once – Machine Complete“ weiter in Richtung „Closed Door Machining“. Die Maschinentür soll geschlossen bleiben, das Programm durchlaufen. Der Werker soll nicht mehr eingreifen, Werkzeuge wechseln oder manuell messen müssen.
Wo liegen die nächsten Entwicklungsschwerpunkte bei WFL?
Im Softwarebereich tut sich laufend viel. Wir haben eine eigene Softwareabteilung, die an neuen Funktionen und an der Modellpflege arbeitet, etwa bei neuen Softwareständen der Siemens-Steuerung. Auch bei der Kurbelwellenbearbeitung haben wir noch einiges vor. Technisch könnten wir noch größer bauen. Die Frage ist, ob das am Markt sinnvoll ist. Strategisch wollen wir uns in den nächsten Jahren wieder stärker auf kleinere und mittlere Maschinengrößen konzentrieren. Technologien, die es heute auf der M70 und M80 gibt, sollen auch auf kleineren Maschinen verfügbar werden.
Wie wichtig ist der österreichische Markt für WFL?
Österreich ist sehr wichtig. Wir sind ein österreichisches Unternehmen und fühlen uns auch so. Unseren Heimatmarkt sehen wir aber im gesamten DACH-Raum, also Süddeutschland, Österreich und Norditalien. Dort sind wir stark, dort stehen weltweit die meisten unserer Maschinen.
Wo sehen Sie WFL in den kommenden Jahren?
Unsere Zielvorgabe lautet, im Jahr 2030 einen Auftragseingang von 300 Millionen Euro zu erreichen. Für dieses Jahr liegt der Plan bei rund 220 Millionen Euro. Das ist ambitioniert, aber wir haben konkrete strategische Planungen und halten es für machbar. Wachstum verläuft nicht linear. Manchmal braucht es einen Impuls, um auf die nächste Stufe zu kommen. Diesen Schwung wollen wir nutzen.
Was macht WFL als Unternehmen aus?
WFL ist ein starkes Team. Wir haben einen relativ niedrigen Altersdurchschnitt, das Unternehmen ist familiär geprägt und die Hierarchien sind flach. Wer Ideen oder Verbesserungsvorschläge hat, kann offen auf das Management zugehen. Diese Kultur ist für uns ein wichtiger Erfolgsfaktor.
Wie blicken Sie trotz der geopolitischen Unsicherheiten nach vorne?
Die geopolitische Situation ist schwierig. Das können wir nicht beeinflussen, und es trifft viele Unternehmen. Auch für uns ist das nicht einfach. Aber Wettbewerb ist kein Sprint, sondern ein Marathon. Man muss dranbleiben, weiterarbeiten und auch in hektischen Phasen ruhig bleiben.







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