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ECTC 2026 in Graz: Europas Fertigungsindustrie unter Druck, aber mit großen Chancen
Die ECTC 2026 in Graz stand ganz im Zeichen einer Industrie im Wandel. Hochkarätige Referenten aus Industrie, Verbänden und Forschung zeichneten ein realistisches Bild zur aktuellen Situation der europäischen Fertigungsindustrie. Rohstoffengpässe, geopolitische Unsicherheiten, hohe Energiekosten und der internationale Wettbewerbsdruck beschäftigen die Branche derzeit erheblich. Außerdem wurde hervorgehoben, dass Europa weiterhin über enorme technologische Kompetenz, starke Unternehmen und großes Innovationspotenzial verfügt.
Das „Big Picture“ der ECTC 2026: Reinhard Gussmagg machte die komplexen Zusammenhänge rund um Rohstoffe, Technologie, AI und Industrieentwicklung visuell greifbar. (Bilder: ECTA/Rosenfuchs GmbH & Co. KG)
Bereits zur Eröffnung machte Veranstalter Gerhard Melcher, Leitung Verkauf und Marketing bei Boehlerit, deutlich, dass die Branche vor außergewöhnlichen Herausforderungen steht. Federico Costa, ECTA President und CEO of Febametal, sprach sogar von den schwierigsten sechs Jahren, welche die Industrie jemals erlebt habe. Seit 2019 hätten die Pandemie, geopolitische Entwicklungen, Lieferkettenprobleme und Unsicherheiten auf den Weltmärkten massive Auswirkungen auf die gesamte Wertschöpfungskette.
Gerhard Melcher eröffnete die ECTC 2026 mit einer interessanten Darstellung der aktuellen Herausforderungen und Chancen der europäischen Fertigungsindustrie.
Schwierige Marktsituation belastet die Branche
Auch Stefan Zecha, CEO of Zecha Hartmetall und Vorsitzender des VDMA Fachverband Präzisionswerkzeuge, bestätigte die angespannte wirtschaftliche Lage. Für 2025 beziffert er einem Rückgang von rund fünf Prozent. Eine nachhaltige Verbesserung sei am aktuellen Stand noch nicht erkennbar. Gleichzeitig warnte er vor einer zunehmenden Abwanderung von Unternehmen und Produktionskapazitäten aus Europa.
Etwas vorsichtiger optimistisch fiel die Einschätzung von Manfred Grimm vom VDMA aus. Laut aktuellen Prognosen ging die Produktion in Europa 2024/2025 um rund zwei Prozent zurück, für 2025/2026 rechne man jedoch mit einem Wachstum von etwa zwei Prozent. Auch die Stimmung unter den Mitgliedsunternehmen habe sich gegenüber 2024 verbessert und werde zurzeit als zufriedenstellend bewertet.
Mike Stokey, USCTI Executive President and Executive Vice President of Allied Machine & Engineering, bewertete insbesondere den US-Markt für 2026 grundsätzlich positiv. Woher das Wachstum kommen werde, lasse sich derzeit allerdings noch nicht eindeutig sagen. Zudem betonte er die Bedeutung einer engen Zusammenarbeit zwischen Europa, den USA und ebenso Japan. Gerade bei strategischen Themen wie Rohstoffen, Technologie und Industriepolitik hätten diese Regionen gemeinsame Interessen.
Rund 130 Teilnehmer aus Industrie, Forschung und Verbänden diskutierten in der Alten Universität Graz über die Zukunft der Hartmetall- und Zerspanungsindustrie.
Rohstoffe bleiben das dominierende Thema
Der APT-Preis für Wolfram hat Anfang Mai 2026 historische Dimensionen erreicht. Seit Beginn 2025 stieg der Preis um mehr als 500 Prozent und liegt mittlerweile bei über 3.000 USD pro Metric Ton Unit. Die Auswirkungen auf Hartmetallpreise und Produktionskosten sind massiv und betreffen mittlerweile die gesamte Wertschöpfungskette der Zerspanungstechnik.
Einen besonders tiefen Einblick in die aktuelle Rohstoffsituation gab Robert Resch, Area Sales Manager Europa bei der Wolfram Hütten AG, Teil der Sandvik-Gruppe. Das Unternehmen betreibt unter anderem die Mine in Mittersill und produziert Wolframcarbid-Pulver. Deutlich wurde dabei die enorme Abhängigkeit vom chinesischen Markt. China kontrolliert immer noch den überwiegenden Teil des weltweiten Wolframmarktes und hatte im Februar 2025 die Exportbeschränkungen weiter verschärft. Interessant war dabei die Aussage, dass China mittlerweile selbst mehr Wolfram importiert als exportiert. Parallel dazu habe das Land weltweit große Mengen an Hartmetallschrott aufgekauft. Gleichzeitig wurden die chinesischen Mining-Quoten reduziert, wodurch zusätzlicher Druck auf den Markt entstanden sei.
Hochkarätige Fachvorträge internationaler Experten prägten die ECTC 2026 in der Alten Universität Graz. Im Mittelpunkt standen Rohstoffversorgung, geopolitische Entwicklungen, Digitalisierung und die Zukunft der Fertigungsindustrie.
Bedarf an Wolfram wird weiter steigen
Nach Einschätzung der Experten dürfte sich die Situation kurzfristig etwas entspannen. Mining-Unternehmen würden ihre Produktion bereits erhöhen, außerdem entstehen neue Minenprojekte unter anderem in Südkorea und England. Dennoch bleibt die langfristige Entwicklung angespannt. Vor allem die steigende Nachfrage aus den Bereichen Energie, Halbleitertechnologie und Defence wird den Bedarf an Wolfram zusätzlich erhöhen.
Daher werde Recycling künftig eine noch wesentlich wichtigere Rolle spielen. Bereits heute werden in Europa rund 50 Prozent des Hartmetalls recycelt. Zeitgleich wurde aber auch klar betont, dass Recycling alleine die zukünftige Nachfrage nicht decken könne und die Rohstoffgewinnung überdies erheblich an Bedeutung gewinnen werde.
Ebenso bestätigte Martin Pilz, Industry Group Manager Tooling bei Tyrolit, die schwerwiegenden Auswirkungen der Rohstoffsituation auf die Industrie. Auch bei Diamant-Schleifscheiben sind Wolfram und zusätzliche strategische Rohstoffe inzwischen zu einem gravierenden Risiko geworden. Tyrolit habe deshalb die Lagerbestände massiv erhöht.
Die ECTC 2026 in der Alten Universität Graz bot mit ihren Fachvorträgen eine internationale Plattform für den Austausch über die Zukunft der europäischen Fertigungsindustrie.
Europa zwischen Regulierung und internationalem Wettbewerbsdruck
Filip Geerts, Director General of Cecimo, zeichnete anschließend ein umfassendes Bild der europäischen Werkzeugmaschinenindustrie. Für 2025 wird ein Rückgang von 2,1 Prozent angegeben, 2026 hingegen ein Wachstum von 5,3 Prozent prognostiziert. Als größte Herausforderungen nannte Geerts geopolitische Unsicherheiten, hohe Energiepreise sowie die zunehmende industrielle Dominanz Chinas. Vor allem die Energiekosten stellen laut Cecimo einen enormen Wettbewerbsnachteil für Europa dar. In manchen Bereichen liegen diese bis zu viermal höher als in anderen Weltregionen. Zusätzlich belasten US-Zölle auf Maschinen, Stahl und weitere Industriegüter die europäische Industrie mit mehreren hundert Millionen Euro.
Sehr eindrucksvoll waren die Zahlen zum technologischen Aufstieg Chinas. Das Land sei mittlerweile Marktführer im Bereich Advanced Manufacturing Technologies und verfüge gegenüber Europa über Kostenvorteile von rund 30 bis 40 Prozent. Trotzdem sieht Geerts große Chancen für Europa. Das Bewusstsein innerhalb der EU sei deutlich gestiegen. Programme wie der Draghi-Report oder das Omnibus-Paket würden zeigen, dass die industrielle Zukunft Europas wieder stärker in den Fokus rücke. Wegweisend sei nun allerdings Geschwindigkeit. Europa müsse politische Entscheidungen schneller treffen, Regulierungen vereinfachen und eine umfassende Strategie für Advanced Manufacturing entwickeln.
Besonders bei Themen wie Machinery Regulation, Cyber Resilience Act oder AI Act brauche die Industrie praktikable Lösungen und mehr Unterstützung. Freihandelsabkommen wie EU-Mercosur oder EU-India könnten künftig helfen, neue Märkte zu erschließen und Europas Position im globalen Wettbewerb zu stärken.
Automobilindustrie sucht flexible Lösungen
DI Dr. Günter Fraidl, Senior Adviser of AVL List GmbH, beschäftigte sich mit den Herausforderungen der Automobilindustrie. CO₂-Reduktion und volatile Märkte seien derzeit die zentralen Themen. Die weltweit unterschiedlichen Zeitpläne bei der Elektrifizierung würden die Entwicklung zusätzlich erschweren. Gefragt seien deshalb flexible modulare Plattformen und wesentlich schnellere Entwicklungszyklen. Neben der Elektromobilität werde zudem die CO₂-Reduktion bestehender Fahrzeugflotten durch alternative Kraftstoffe und hybride Konzepte weiterhin eine wichtige Rolle spielen.
Digitalisierung und Toolmanagement gewinnen an Bedeutung
Markus Temmel, CEO von TCM, stellte die zunehmende Relevanz digitaler Werkzeugdaten und intelligenter Toolmanagementsysteme in den Mittelpunkt seines Vortrags. Aufgrund des Fachkräftemangels müsse das Wissen der Mitarbeiter künftig verstärkt in digitale Systeme überführt werden. Der Kunde von morgen sei zunehmend ein automatisiertes System. Entsprechend wichtig werde die standardisierte und digitale Bereitstellung hochwertiger Werkzeugdaten. Software- und systemgetriebenes Toolmanagement werde künftig eine zentrale Rolle für Produktivität und Prozesssicherheit spielen.
AI verändert die Arbeitswelt der Industrie
Einen anderen Blickwinkel brachte AI-Experte Patrick Ratheiser, Director und Head of AI bei Ernst & Young, ein. Seine Prognosen verdeutlichten die enorme Dynamik rund um Künstliche Intelligenz. Bis 2030 könnten rund 30 Prozent der heutigen Arbeit automatisiert werden, aber es würden definitiv mehr neue Jobs entstehen als verloren gehen. Besonders stark werde sich die Arbeitswelt im organisatorischen Bereich verändern. AI entwickle sich zunehmend zum neuen Standard der Arbeitsweise. Entscheidend sei dabei, die menschliche Intelligenz sinnvoll mit AI-Systemen zu kombinieren.
Fachkräfte, Ausbildung und Unternehmenskultur
Zum Abschluss sprach Dr. Markus Tomaschitz, Chief Human Resources Officer und Unternehmenssprecher bei der AVL List GmbH, über die zunehmenden Herausforderungen im Bereich Mitarbeiterzufriedenheit und Ausbildung. Die Zufriedenheit der Beschäftigten sei aktuell auf einem historisch niedrigen Niveau. Themen wie Wertschätzung, Zugehörigkeit und Work-Life-Balance würden immer wesentlicher. Gleichzeitig verändern Technologien wie humanoide Roboter oder sogenannte Dark Factories bereits heute die industrielle Realität. Beispiele dafür gebe es unter anderem bei BMW, Foxconn oder Xiaomi.
Besonders deutlich fiel seine Kritik am Bildungssystem aus. Die Ausbildung müsse sich wesentlich schneller an technologische Herausforderungen anpassen. Technologie entwickle sich derzeit rascher als viele Ausbildungsmodelle.
Europas Industrie braucht Tempo und Zusammenarbeit
Die ECTC 2026 hat eindrucksvoll gezeigt, wie stark sich die industrielle Welt momentan verändert. Vor allem die Hersteller von Zerspanungswerkzeugen stehen unter enormem Druck. Die massiv gestiegenen Rohstoffpreise, geopolitische Unsicherheiten, hohe Energiekosten sowie der Fachkräftemangel belasten die gesamte europäische Industrie. Trotzdem zeigte die Veranstaltung auch auf, dass Europa weiterhin enorme Stärken besitzt. Die technologische Kompetenz, die hohe Innovationskraft und die Qualität vieler Unternehmen bleiben ein entscheidender Wettbewerbsvorteil.
Bedeutsam wird nun sein, wie schnell Europa handelt. Die Fertigungsindustrie benötigt langfristige Strategien, schnellere politische Entscheidungen und wesentlich stärkere Investitionen in Technologie, Ausbildung und industrielle Infrastruktur. Ebenso wichtig wird es sein, die europäischen Stärken künftig stärker zu bündeln und gemeinsam aufzutreten.





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