interview
Präzision in jeder Dimension – Cogsdill Austria über Rollierwerkzeuge und modulare Werkzeugsysteme
Seit mehr als 100 Jahren steht der Name Cogsdill für Präzision und Prozesssicherheit in der Feinbearbeitung. Was in den USA begann, hat sich längst zu einem globalen Netzwerk entwickelt – mit Standorten in Großbritannien und seit über zwei Jahrzehnten auch in Österreich. Otto Schobersberger, Geschäftsführer der Cogsdill Austria GmbH, war maßgeblich daran beteiligt, die Marke in Mitteleuropa zu etablieren und das Portfolio für moderne CNC-Bearbeitungen weiterzuentwickeln. Im Gespräch erzählt er von den Anfängen, den Erfolgsfaktoren von Rollierwerkzeugen – und warum das mechanische Prinzip des ZX-Systems auch im Zeitalter der Digitalisierung Zukunft hat.
Otto Schobersberger leitet die Cogsdill Austria GmbH und verantwortet den europaweiten Vertrieb sowie die Weiterentwicklung der ZX- und Rollierwerkzeuge für anspruchsvolle Bearbeitungsprozesse.
Rollieren – Präzision bis ins Mikrometer
Rollieren ist ein spanloses Verfahren zur Feinbearbeitung von Oberflächen und Bohrungen, bei dem durch kontrolliertes Kaltverfestigen eine außergewöhnlich glatte und harte Oberfläche entsteht. Mit den Roll-a-Finish®-Werkzeugen bietet Cogsdill eine schnelle, saubere und wirtschaftliche Methode, um Bauteile präzise zu dimensionieren und gleichzeitig ihre Festigkeit und Lebensdauer zu erhöhen.
Einsatzbereiche:
• Innen- und Außenflächen zylindrischer Bauteile
• Bohrungen, Buchsen, Wellen, Kolben, Zylinder und Ventilsitze
• Anwendungen in Hydraulik, Automotive, Luftfahrt, Medizintechnik, Maschinenbau und Energieerzeugung
Vorteile des Rollierens
• Höchste Oberflächengüte: bis zu Ra 0,05 µm in wenigen Sekunden
• Maßgenauigkeit: präzises Endmaß ohne Nachbearbeitung
• Spanlose Fertigung: kein Schleif- oder Polierprozess nötig
• Erhöhte Bauteilfestigkeit: durch Kaltverfestigung der Randschicht
• Schnelle Prozessintegration: geeignet für Dreh-, Bohr- und Fräsmaschinen
• Wirtschaftlich: verkürzte Zykluszeiten, geringere Werkzeugkosten
Herr Schobersberger, Sie sind gelernter Maschinenbauer. Wie sind Sie zur Werkzeugbranche und letztlich zu Cogsdill gekommen?
Ich komme tatsächlich aus der Werkstatt – meine Lehre habe ich in der voestalpine gemacht, also dort, wo heute WFL Millturn Technologies beheimatet ist. Nach einigen Jahren in der Fertigung hat es mich aber in den technischen Vertrieb gezogen. Ich habe schnell gemerkt: Mich interessiert, wie Kunden arbeiten, wo Probleme entstehen und wie man Prozesse verbessern kann. Nach mehreren Jahren im Werkzeughandel habe ich mich schließlich selbstständig gemacht, weil ich meine eigenen Ideen umsetzen wollte.
Rollieren statt Schleifen: Mit den Rollierwerkzeugen von Cogsdill lassen sich Oberflächen in Sekunden glätten, verdichten und härten – für höchste Präzision und Prozesssicherheit.
Und so kam der Kontakt zu Cogsdill zustande?
Genau. Auf einer Messe, der IMTS in Chicago, lernte ich die Cogsdill erstmals kennen. Das Unternehmen suchte damals jemanden, der den deutschsprachigen Markt betreut. Ich habe die Chance genutzt – und so wurde ich 1998 quasi das Sprachrohr für Cogsdill in Europa. Zuerst für Österreich und Deutschland, später auch für andere Länder.
Cogsdill Roll-a-Finish-Werkzeuge werden für eine Vielzahl von Bauteilkonfigurationen eingesetzt, darunter Innen- und Außendurchmesser, Planflächen, Kegel. Kugelflächen und Konturen sowie Radien an den Schultern.
Wie sahen die ersten Schritte aus?
Wir mussten die Marke Cogsdill in Europa erst einmal bekannt machen. Viele kannten damals unsere Entgratwerkzeuge, aber kaum jemand die Bandbreite an Lösungen. Zu Beginn habe ich daher bestehende langjährige Partner wie die Firma Kempf in Deutschland oder andere in Spanien und Frankreich vor Ort unterstützt und zudem neue Händlerstrukturen in Italien, Tschechien, Slowakei, Ungarn und Slowenien aufgebaut. Das war Pionierarbeit, aber sehr erfolgreich – heute ist Cogsdill in Europa bestens etabliert.
Ein Vergleich macht sicher: Die Cogsdill Diamant-Rollierwerkzeuge erzeugen qualitativ hochwertige, glänzende Oberflächen.
Was war für Sie von Anfang an das Besondere an Cogsdill?
Das Produktportfolio. Wir bieten keine Massenware, sondern Speziallösungen, die Fertigungsprozesse wirklich verändern können. Und wir haben als Team die Freiheit, Ideen umzusetzen – das war mir immer wichtig.
Das Produktportfolio von Cogsdill umfasst eine sehr breite Palette von Standard- und Diamant-Rollierwerkzeugen.
Ein besonderes Produkt sind Ihre ZX-Werkzeuge. Was steckt dahinter?
Das ZX-System stammt ursprünglich aus der Öl- und Gasindustrie. Ich habe es gemeinsam mit unserem Team und mit Unterstützung von WFL Millturn Technologies weiterentwickelt, um es CNC-tauglich zu machen. Die Idee: Mit einem ZX-Planschieberkopf kann man auf einem Bohrwerk Drehbearbeitungen durchführen – also Planen, Konturen und Nuten herstellen, ohne das Werkstück umzuspannen. Das Bohrwerk wird somit zur Drehmaschine.
Welche Vorteile bringt das konkret?
Vor allem Produktivität. Früher musste man große Werkstücke auf mehreren Maschinen bearbeiten – heute erledigt das eine einzige Maschine. Wir sparen Rüstzeiten, vermeiden Genauigkeitsverluste und können Bauteile bis zu drei Meter Durchmesser bearbeiten.
Das ZX-System von Cogsdill im Einsatz: Der mechanisch angetriebene Planschieberkopf verwandelt ein Bohrwerk in eine Drehmaschine – für Plan-, Kontur- und Ausdrehbearbeitungen in einer einzigen Aufspannung.
Ihr System ist mechanisch gesteuert, nicht elektronisch – warum?
Weil Mechanik zuverlässiger ist. Wir arbeiten in Umgebungen mit Inconel, Edelstahl oder Titan – dort sind Späne, Staub und Hitze an der Tagesordnung. Mechanische Systeme sind robuster, wartungsärmer und prozesssicher. Elektronische Antriebe mögen eleganter klingen, aber im Alltag sind sie anfälliger.
Mit dem ZX-System von Cogsdill lassen sich komplexe Bearbeitungen auf einem Bohrwerk durchführen. Das modulare Werkzeugkonzept spart Rüstzeiten, erhöht die Genauigkeit und macht Drehbearbeitungen direkt auf der Fräsmaschine möglich.
Neben den ZX-Systemen spielt auch das Rollieren eine große Rolle bei Cogsdill. Warum ist das Verfahren so interessant?
Weil es unglaublich effizient ist. Beim Rollieren verformen wir das Material an der Oberfläche plastisch, anstatt es abzutragen. Das ergibt eine extrem glatte, verdichtete Oberfläche mit Rauheiten unter Ra 0,1 – und das in wenigen Sekunden. Viele wissen gar nicht, dass sie damit ganze Schleifprozesse einsparen können.
Ein DBFM im Einsatz: Cogsdill Diamantrollier-Fräswerkzeuge zum Rollieren von ebenen Flächen, um hervorragende Oberflächengüten zu erzielen.
Welche Vorteile entstehen daraus in der Praxis?
Rollieren erhöht die Festigkeit und Korrosionsbeständigkeit der Bauteile, ist schnell, wirtschaftlich und sehr prozesssicher. Mit unseren Diamant-Rollierwerkzeugen können wir sogar gehärtete Stähle bis 60 HRC bearbeiten. Und das Beste: Das funktioniert auf jeder herkömmlichen Drehmaschine – ohne großen Aufwand.
Otto Schobersberger im Gespräch mit Robert Fraunberger – über die Entstehung des Unternehmens, das ZX-System, Rollierwerkzeuge und die Entwicklung internationaler Märkte.
Cogsdill Austria verfügt über eine eigene Lagerhaltung. Welche Bedeutung hat das für Ihre Kunden?
Eine sehr große. Wir haben in Österreich ein umfangreiches Lager aufgebaut, um unsere Kunden kurzfristig beliefern zu können. Beispielsweise Standard-Rollierwerkzeuge bis 50 mm Durchmesser – egal ob für Durchgangs- oder Sacklochbohrungen – sind in der Regel am selben Tag lieferbar. Auch unser komplettes Diamantwerkzeugprogramm halten wir auf Lager. Damit können wir Anwendern in der DACH-Region extrem kurze Reaktionszeiten bieten – ein echter Vorteil in der täglichen Produktion.
Das Kernteam von Cogsdill Austria (v.l.n.r.): Daniela Schobersberger, Patrick Schobersberger, Otto Schobersberger, Daniela Reichl und Alexandra Schobersberger.
Warum wird das Verfahren trotzdem noch so selten genutzt?
Historisch gesehen, weil Reibahlen immer besser wurden. Heute aber, wo Automatisierung und Effizienz zählen, ist das Rollieren aktueller denn je. Vor allem in der E-Mobilität, in der Hydraulik und Medizintechnik sehe ich enormes Potenzial.
Wie ist Cogsdill heute weltweit aufgestellt?
Wir haben rund 150 Mitarbeiter – in den USA, England und Österreich. Früher waren es fast 450, aber die Fertigung ist heute hochautomatisiert. In Amerika laufen viele Prozesse mannlos mit Robotern und 5-Achs-Maschinen.
Welche Rolle spielt Österreich innerhalb der Gruppe?
Cogsdill Austria ist der zentrale Ansprechpartner für den europäischen Markt. Wir betreuen Kunden direkt und koordinieren Großprojekte bis nach Asien. Die ZX-Systeme, an denen wir hier arbeiten, gehen beispielsweise bis nach China, Indien und in die Emirate.
Sie reisen regelmäßig nach Asien. Wie beurteilen Sie die Entwicklung dort?
Beeindruckend. Ich war vor Covid oft in China – und als ich 2023 wieder dort war, habe ich das Land nicht wiedererkannt. Saubere Luft, moderne Industrieparks, hochqualifizierte Menschen. Die Chinesen haben in Sachen Maschinenbau und Werkzeugtechnologie enorm aufgeholt. Viele fertigen inzwischen Maschinen, die qualitativ auf unserem Niveau sind.
Ist das eine Bedrohung für den europäischen Standort?
Ich sehe es als Herausforderung. Wir müssen uns in Europa spezialisieren, qualitativ an der Spitze bleiben. Ein gutes europäisches Produkt hat in Asien immer noch einen sehr hohen Stellenwert – und das wird auch so bleiben.
Wie sieht es bei Cogsdill Austria heute aus. Wer steht hinter dem Unternehmen?
Wir sind ein kleines, hochspezialisiertes Team. Ich habe mich von Handelsstrukturen gelöst, um näher am Kunden zu sein. Meine Tochter ist seit fünf Jahren im Betrieb, mein Sohn steigt aktuell ein. Wir suchen noch Mitarbeiter, aber das ist – wie überall – schwierig. Unser Ziel ist klar: Cogsdill Austria soll ein eigenständiger, technisch führender Standort innerhalb der Gruppe bleiben.
Was motiviert Sie nach all den Jahren immer noch?
Ich lebe meinen Traum. Ich komme aus der Technik, arbeite gern mit Menschen und reise viel. Für mich ist das keine Arbeit, sondern Leidenschaft. Wenn man sagen kann, man tut das, was man liebt – dann hat man alles richtig gemacht.










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