interview

Univ.-Prof. Dr. Haas über die Bedeutung von Fachkräften, virtuelle Sensorik, Edge Computing, KI und humanoide Robotik

Schon als Kind besuchte Franz Haas die Intertool gemeinsam mit seinem Vater, der einen Maschinenbaubetrieb führte. Heute ist er Professor für Produktionstechnik und Dekan der Fakultät für Maschinenbau und Wirtschaftswissenschaften an der TU Graz. Die Begeisterung für Fertigung und Produktion hat ihn dabei nie losgelassen. Im Interview berichtet Haas über die Entwicklung der Zerspanungstechnik von den ersten CNC-Maschinen bis hin zu intelligenten, lernfähigen Produktionssystemen. Themen wie virtuelle Sensorik, Edge Computing, KI und humanoide Robotik zeigen für ihn klar, wohin die Reise geht: hin zu flexibleren, präziseren und zunehmend autonomen Fertigungssystemen. Gleichzeitig betont er die enorme Bedeutung von Fachkräften, Ausbildung und industriellem Know-how für den Produktionsstandort Österreich.

„Präzision sichert unsere Zukunft. Wir verabschieden uns mehr und mehr von der klassischen Massenfertigung und konzentrieren uns stärker auf spezialisierte Technologien und hochpräzise Lösungen.“
Univ.-Prof. Dr. Franz Haas, Dekan der Fakultät für Maschinenbau und Wirtschaftswissenschaften an der TU Graz.

„Präzision sichert unsere Zukunft. Wir verabschieden uns mehr und mehr von der klassischen Massenfertigung und konzentrieren uns stärker auf spezialisierte Technologien und hochpräzise Lösungen.“ Univ.-Prof. Dr. Franz Haas, Dekan der Fakultät für Maschinenbau und Wirtschaftswissenschaften an der TU Graz.

Zur Person:

Univ.-Prof. Dr. Franz Haas ist Professor für Produktionstechnik und Dekan der Fakultät für Maschinenbau und Wirtschaftswissenschaften an der TU Graz. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Zerspanungstechnik, Digitalisierung in der Produktion, intelligente Fertigungssysteme sowie KI-gestützte Produktionsprozesse. Mit seinem Team beschäftigt er sich unter anderem mit Edge Computing, virtueller Sensorik, Additiver Fertigung und humanoider Robotik. Ein zentrales Thema seiner Arbeit ist die Produktion der Zukunft und die Frage, wie europäische Fertigungsstandorte langfristig wettbewerbsfähig bleiben können.

Herr Univ.-Prof. Dr. Haas, wie nehmen Sie die Intertool X Schweissen 2026 wahr?

Ich bin sehr positiv überrascht und mir gefällt die Intertool ausgezeichnet. Ich habe bereits mit vielen Kolleginnen und Kollegen gesprochen und für viele ist diese Messe ein wichtiges Signal für die Zukunft. Gerade für den Produktionsstandort Österreich ist das enorm bedeutend. Man spürt hier wieder Aufbruchsstimmung und Zuversicht.

Im Rahmen der Intertool X Schweissen sprach Ing. Robert Fraunberger mit Univ.-Prof. Dr. Haas über die Bedeutung von Fachkräften, virtuelle Sensorik, Edge Computing, KI und humanoide Robotik.

Im Rahmen der Intertool X Schweissen sprach Ing. Robert Fraunberger mit Univ.-Prof. Dr. Haas über die Bedeutung von Fachkräften, virtuelle Sensorik, Edge Computing, KI und humanoide Robotik.

Univ.-Prof. Dr. Franz Haas
Dekan der Fakultät für Maschinenbau und Wirtschaftswissenschaften, TU Graz

„„Die Maschine wird intelligenter. Maschinen und Roboter lernen selbstständig, reagieren flexibel auf Veränderungen und werden die Produktion in den kommenden Jahren massiv verändern.““

Ihre Begeisterung für Produktionstechnik begleitet Sie schon sehr lange. Wie hat alles begonnen?

Eigentlich schon in meiner Kindheit. Mein Vater hatte einen Maschinenbaubetrieb und ich bin bereits als Hauptschüler auf die ersten Intertool-Messen gefahren. Die Begeisterung für Produktion wurde mir sozusagen in die Wiege gelegt. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich die Fertigungstechnik allerdings enorm verändert. Früher standen klassische CNC-Themen im Mittelpunkt, heute sprechen wir über Automatisierung, Datenintegration, KI und intelligente Systeme. Die Produktion ist wesentlich breiter und vielfältiger geworden und genau das macht sie insbesondere für junge Menschen so attraktiv.

Dr. Franz Haas hielt auf der Intertool X Schweissen zudem einen Fachvortrag zum Thema „Wirtschaftliche Fertigungskonzepte im Hinblick auf Zeit-, Energie- und Ressourceneffizienz“. Das komplette Video zum Vortrag ist via QR-Code abrufbar. (https://www.youtube.com/watch?v=JL-q6v5dBpY)

Dr. Franz Haas hielt auf der Intertool X Schweissen zudem einen Fachvortrag zum Thema „Wirtschaftliche Fertigungskonzepte im Hinblick auf Zeit-, Energie- und Ressourceneffizienz“. Das komplette Video zum Vortrag ist via QR-Code abrufbar. (https://www.youtube.com/watch?v=JL-q6v5dBpY)

War für Sie immer klar, dass Sie einmal Professor werden würden?

Vielleicht irgendwo im Hinterkopf. Geprägt war ich ursprünglich eher in Richtung Unternehmertum. Gleichzeitig hat sich auch die wissenschaftliche Laufbahn sehr positiv entwickelt. Ich war gerne Unternehmer und ich glaube, genau die Kombination aus unternehmerischem Zugang und wissenschaftlicher Expertise ist äußerst wertvoll. Seit mittlerweile zwölf Jahren bin ich Professor für Produktionstechnik an der TU Graz und diese Aufgabe macht mir große Freude.

Womit beschäftigt sich Ihr Institut aktuell besonders intensiv?

Wir widmen uns schwerpunktmäßig der Zerspanungstechnik in Kombination mit Datenanalyse und Edge Computing. Auf der Intertool zeigen wir das sehr konkret auf einer DMU 40 von DMG Mori. Dabei geht es um virtuelle Sensorik. Wir nutzen die vorhandenen Daten der Maschine und kombinieren diese mit einem vergleichsweise günstigen Edge Computer direkt an der CNC-Maschine. So können Prozesse beim Fräsen, Drehen, Bohren oder Schleifen sehr effizient überwacht und optimiert werden, auch bei älteren Maschinen. Das ist aus meiner Sicht ein wichtiger Ansatz für die Zukunft, weil sich nicht jedes Unternehmen teure Sensorsysteme leisten kann.

Leitungsteam des IFT der TU Graz: Pichler, Haas, Edler (von links nach rechts), Bildquelle: TU Graz, IFT

Leitungsteam des IFT der TU Graz: Pichler, Haas, Edler (von links nach rechts), Bildquelle: TU Graz, IFT

Digitalisierung gilt oft als kostspielig. Wie sehen Sie das?

Man kann für Digitalisierung viel Geld ausgeben und trotzdem am Ende keinen echten Mehrwert erzielen. Entscheidend ist, dass man sinnvoll und effizient an die Sache herangeht. Gerade virtuelle Sensorik eröffnet enorme Möglichkeiten, weil bestehende Maschinen weiter genutzt werden können. Spannend ist dabei auch, dass daraus neue Geschäftsmodelle entstehen. Einige ehemalige Dissertanten von mir haben in diesem Bereich erfolgreich Unternehmen gegründet.

Univ.-Prof. Dr. Franz Haas fertigt auch gerne mal selbst (Bildquelle: TU Graz, IFT).

Univ.-Prof. Dr. Franz Haas fertigt auch gerne mal selbst (Bildquelle: TU Graz, IFT).

Wenn Sie auf die letzten Jahrzehnte zurückblicken – was waren die größten Entwicklungsschritte in der Fertigungstechnik?

Ich kann mich noch gut an die ersten CNC-Maschinen in den 1980er-Jahren erinnern. Die Technik war damals eindeutig weniger zuverlässig als heute. Danach kamen große Fortschritte bei der Mensch-Maschine-Interaktion und bei der Dialogprogrammierung. Später haben CAD/CAM-Systeme vieles verändert. Konstruktion und Produktion sind dadurch wesentlich enger zusammengewachsen. Heute erleben wir den nächsten großen Technologiesprung durch Digitalisierung, Vernetzung und KI.

Forschungslabor des IFT zu Batterieproduktion. Bildquelle: TU Graz, IFT

Forschungslabor des IFT zu Batterieproduktion. Bildquelle: TU Graz, IFT

Wie sehen Sie den Produktionsstandort Österreich im internationalen Vergleich aufgestellt?

Nach wie vor sehr gut. Ich war erst vor Kurzem mehrere Wochen in den USA und dort sieht man deutlich, dass Produktion bei uns einen anderen Stellenwert und eine andere Kultur hat. Wichtig ist allerdings, dass wir unser Know-how nicht verlieren. Jeder Betrieb, der Produktionsanlagen verlagern muss oder überhaupt abwandert, ist für unseren Wirtschaftsstandort ein großer Verlust. Deshalb müssen wir alles daransetzen, unsere Wettbewerbsfähigkeit zu stärken, Fachkräfte auszubilden und die Begeisterung für Produktionstechnik zu erhalten.

Präzisionsfertigung am IFT der TU Graz. Bildquelle: TU Graz, IFT

Präzisionsfertigung am IFT der TU Graz. Bildquelle: TU Graz, IFT

Wirtschaftlichkeit ist aktuell ein großes Thema. Welche Faktoren sind aus Ihrer Sicht wegweisend?

Ein wichtiger Hebel ist sicher die Energieeffizienz. Moderne Maschinen und Antriebe sind heute signifikant effizienter geworden. Unternehmen können Energie heute auch wesentlich gezielter einsetzen, beispielsweise mit Photovoltaik. Ein großes Thema bleiben aber die Rohstoffpreise, insbesondere bei Hartmetall. Deshalb wird Recycling stets wichtiger. Gleichzeitig müssen Werkzeuge möglichst effizient genutzt werden. Genau dabei helfen datenbasierte Systeme und intelligente Prozessüberwachung.

Der Video- und Podcast der x-technik FERTIGUNGSTECHNIK mit Univ.-Prof. Dr. Franz Haas, Dekan der Fakultät für Maschinenbau und Wirtschaftswissenschaften an der TU Graz, ist ab sofort über YouTube und allen Podcast-Plattformen abrufbar.

Der Video- und Podcast der x-technik FERTIGUNGSTECHNIK mit Univ.-Prof. Dr. Franz Haas, Dekan der Fakultät für Maschinenbau und Wirtschaftswissenschaften an der TU Graz, ist ab sofort über YouTube und allen Podcast-Plattformen abrufbar.

Kommen wir zur KI. Wohin geht für Sie die Reise in der Fertigungstechnik?

Die Maschine wird immer intelligenter. Wir sprechen seit Jahren von „Smart Machines“, aber jetzt erleben wir tatsächlich einen Paradigmenwechsel hin zu Physical AI und autonomen Systemen. Maschinen und Roboter lernen zunehmend selbstständig und reagieren flexibel auf Veränderungen. Das starre Programmieren wird Schritt für Schritt abgelöst. Entscheidend wird aber sein, dass die Systeme für die Bedienenden einfach nutzbar bleiben und zur selben Zeit wirtschaftlich sinnvoll sind.

Ein besonders spannendes Thema ist die humanoide Robotik. Welche Rolle wird sie künftig in der Produktion spielen?

Wir beschäftigen uns derzeit bereits sehr intensiv damit und werden auch an unserem Institut demnächst einen sogenannten „Wheel based Humanoid“ bekommen, also einen humanoiden Roboter auf einer mobilen Plattform. Die ersten Forschungsarbeiten starten in den nächsten Wochen. Der große Vorteil solcher Systeme liegt darin, dass sie sich vor allem flexibel in bestehende Produktionsumgebungen integrieren lassen, gerade für kleine und mittlere Unternehmen.

Wo sehen Sie die ersten realistischen Einsatzbereiche?

Vor allem im Handling, in der Montage und Demontage sowie in gefährlichen Arbeitsumgebungen. Also überall dort, wo Staub, Explosionsgefahr oder gesundheitliche Belastungen eine Rolle spielen. Das wirklich Neue ist aber die Lernfähigkeit dieser Systeme. Der Roboter kann aus Fehlern lernen und sich an veränderte Bedingungen anpassen. Das eröffnet völlig neue Möglichkeiten.

Wie schnell wird sich humanoide Robotik Ihrer Meinung nach verbreiten?

Schneller, als viele aktuell glauben. Industrie 4.0 hat deutlich länger gebraucht, um in der Breite anzukommen. Die Fortschritte bei KI, Datenräumen und Rechenleistung beschleunigen die Entwicklung enorm. Natürlich spielen dabei auch internationale Hersteller, insbesondere aus China, eine wichtige Rolle. Wesentlich wird sein, diese Entwicklungen sinnvoll zu nutzen und gleichzeitig die eigenen Stärken weiter auszubauen.

Was bedeutet dieser Wandel für die Ausbildung zukünftiger Fachkräfte?

Die Grundlagen bleiben entscheidend. Wer Fertigungstechnik und Zerspanung nicht versteht, wird auch mit KI keine wirtschaftlich sinnvollen Lösungen entwickeln können. Natürlich müssen digitale Kompetenzen integriert werden. Aber deshalb gleich das gesamte Ausbildungssystem über den Haufen zu werfen, halte ich nicht für richtig. Gerade das duale Ausbildungssystem ist eine große Stärke im deutschsprachigen Raum.

Zum Abschluss ein Blick Richtung 2030 oder 2035: Wie wird sich der Produktionsstandort Österreich entwickeln?

Ich bin überzeugt, dass der Produktionsstandort bleiben wird. Die Losgrößen werden kleiner und der Fokus wird noch stärker auf Speziallösungen, Präzisionsfertigung und hochwertige Kleinserien gerichtet werden. Wir verabschieden uns zunehmend von der klassischen Massenfertigung und konzentrieren uns stärker auf spezialisierte Technologien und hochpräzise Lösungen. Mein Motto lautet seit vielen Jahren: „Präzision sichert unsere Zukunft.“ Und ich glaube, das gilt heute mehr denn je.

Vielen Dank für das Gespräch!

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