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Christina Rami-Mark im Interview: Wie Mark trotz Industriekrise stabil auf Kurs bleibt
Seit 106 Jahren steht die Mark Metallwarenfabrik GmbH in Spital am Pyhrn für Präzision, Verlässlichkeit und den Mut, sich immer wieder neu zu erfinden. 1920 als Schuhösenfabrik gegründet, entwickelte sich Mark zu einem international tätigen Spezialisten für Tiefziehteile und Präzisionskomponenten – mit höchsten Qualitätsanforderungen und einer kompromisslosen Null-Fehler-Politik. Seit 2020 führt Dr. Christina Rami-Mark das Familienunternehmen in vierter Generation. Ihr Einstieg erfolgte 2016, bewusst vorbereitet und mit klarem Blick von außen. Im Interview spricht sie offen über ihren Weg ins Unternehmen, ihren Führungsstil, die Herausforderungen einer männerdominierten Branche, die aktuelle Krise der Metall- und Automobilindustrie und warum gerade jetzt Mut, Haltung und langfristiges Denken entscheidend sind.
„Mark hat in über 100 Jahren immer wieder bewiesen, dass Verlässlichkeit und Veränderung kein Widerspruch sind. Wenn wir den Mut haben, Dinge weiterzuentwickeln, ohne unsere Werte aus den Augen zu verlieren, dann bin ich überzeugt, dass wir auch diese herausfordernde Phase erfolgreich meistern werden.“ Dr. Christina Rami-Mark, Geschäftsführerin, Mark Metallwarenfabrik GmbH
Zum Unternehmen
Die Mark Metallwarenfabrik GmbH mit Sitz in Spital am Pyhrn (OÖ) ist ein familiengeführtes Industrieunternehmen mit über 100-jähriger Geschichte. Gegründet im Jahr 1920 als Schuhösenfabrik, entwickelte sich Mark zu einem international tätigen Spezialisten für Tiefziehteile und präzise Metallumformung. Das Unternehmen steht für kompromisslose Qualität, hohe Fertigungstiefe und eine konsequente Null-Fehler-Politik. Mark beliefert vor allem die Automobilindustrie, setzt seine Kernkompetenzen aber zunehmend auch in weiteren Branchen ein. Besonderen Stellenwert haben Ausbildung, Mitarbeiterbindung sowie eine langfristig ausgerichtete, „enkeltaugliche“ Unternehmensstrategie.
• Gründung: 1920
• Mitarbeiter: rund 550 weltweit
• Standorte: Österreich, Slowenien, China, Indien
• Kernkompetenzen: Tiefziehen, Metallumformung, Stanz-Biegen, Drehen, Werkzeugbau, Montage
• Fertigungstiefe: Entwicklung, Werkzeugbau, Serienfertigung, Montage, Qualitätssicherung
• Branchen: Automobil-, Sanitär-, Bau-, Elektronik- und Schuhindustrie, Selbstrettungssysteme, Leichtbau-Hydraulikzylinder und weitere Industrieanwendungen.
Frau Rami-Mark, Sie sind 2017 ins Familienunternehmen eingestiegen und haben 2020 die Geschäftsführung übernommen. War dieser Weg für Sie immer vorgezeichnet?
Nein, ganz im Gegenteil. Ich bin nicht mit dem festen Plan aufgewachsen, eines Tages Mark zu übernehmen. Mir war immer wichtig, meinen eigenen Weg zu gehen, unabhängig zu sein und Erfahrungen außerhalb des Familienunternehmens zu sammeln. Mein Studium und meine Promotion in Chemie waren ein wesentlicher Teil davon. Erst mit der Zeit wurde mir bewusst, welches Potenzial in Mark steckt – nicht nur technologisch, sondern auch menschlich. Der Einstieg 2016 war daher eine sehr bewusste Entscheidung.
Robert Fraunberger im Gespräch mit Christina Rami-Mark, Geschäftsführerin der Mark Metallwarenfabrik, über Führung, Qualität und die strategische Ausrichtung des Familienunternehmens in herausfordernden Industriezeiten.
Wie haben Sie diese ersten Jahre im Unternehmen erlebt?
Ich habe mir bewusst Zeit genommen, um das Unternehmen wirklich zu verstehen. Prozesse, Abläufe, Entscheidungswege – vor allem aber die Menschen. Mir war wichtig, nicht sofort Veränderungen anzustoßen, sondern zuzuhören und zu lernen. Diese Phase war enorm wertvoll, weil sie Vertrauen geschaffen hat. Als ich 2020 die Geschäftsführung übernommen habe, konnte ich auf diesem Fundament aufbauen.
Präzise Umformtechnik bei Mark: Moderne Tiefziehprozesse, hohe Fertigungstiefe und konsequente Qualitätssicherung bilden die Basis für prozesssichere Serienfertigung.
Sie kommen aus der Wissenschaft. Was hat Ihnen dieser Hintergrund für Ihre heutige Rolle gebracht?
Sehr viel. Wissenschaftliches Arbeiten bedeutet, strukturiert zu denken, Hypothesen zu hinterfragen und Dinge nicht einfach als gegeben hinzunehmen. Das hilft mir heute bei komplexen Entscheidungen enorm. Gleichzeitig lernt man in der Forschung, mit Unsicherheit umzugehen und aus Fehlern zu lernen. Diese Offenheit versuche ich auch in die Unternehmenskultur einzubringen.
Fachkräfte als Schlüssel zum Erfolg: Gut ausgebildete Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sichern bei Mark Know-how, Qualität und kontinuierliche Weiterentwicklung der Fertigungsprozesse.
Mark steht für eine kompromisslose Null-Fehler-Politik. Wie passt das mit einer offenen Fehlerkultur zusammen?
Das wirkt auf den ersten Blick widersprüchlich, ist es aber nicht. Null Fehler bedeutet für uns, dass beim Kunden auch keine ankommen dürfen. Der Weg dorthin muss aber Raum für Entwicklung lassen. Innovation entsteht nur, wenn man Dinge ausprobieren darf. Entscheidend ist, wie man mit Fehlern umgeht: Werden sie analysiert, verstanden und genutzt, um besser zu werden? Genau das ist unser Anspruch.
Beim Videocast in Spital am Pyhrn mit Dr. Christina Rami-Mark und Robert Fraunberger ging es um Stabilität, Diversifikation und Führung in bewegten Zeiten.
Das Unternehmen zeichnet eine große Loyalität gegenüber den Mitarbeitern aus. Wie wichtig ist Ihnen dieser Aspekt?
Extrem wichtig. Mark ist über Generationen gewachsen, weil wir langfristig denken – auch in der Beziehung zu unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Viele haben als Lehrlinge begonnen und tragen heute Verantwortung. Diese Verbundenheit ist kein Zufall, sondern Ergebnis einer klaren Haltung. Wir investieren bewusst in Aus- und Weiterbildung, weil wir überzeugt sind, dass Wissen und Erfahrung die wichtigsten Ressourcen sind.
Sie führen ein Unternehmen in einer traditionell männlich geprägten Branche. Wie erleben Sie das persönlich?
Die Metallindustrie ist nach wie vor eine Männerdomäne, das lässt sich nicht leugnen. Ich habe aber gelernt, dass es wenig bringt, sich darüber zu definieren. Mir ist wichtig, authentisch zu bleiben und meinen eigenen Stil zu leben. Kompetenz, Klarheit und Dialog zählen mehr als Lautstärke. Unterschiedliche Perspektiven machen Unternehmen langfristig stärker.
Wie würden Sie Ihren Führungsstil beschreiben?
Ich sehe Führung nicht als hierarchische Kontrolle, sondern als Verantwortung, um Orientierung zu geben. Mir ist wichtig, Vertrauen zu schaffen und Verantwortung zu teilen. Gleichzeitig braucht es klare Rahmenbedingungen und Verlässlichkeit. Gerade in unsicheren Zeiten ist es entscheidend, Halt zu geben und Entscheidungen transparent zu machen.
Mark ist bekannt für eine außergewöhnlich hohe Fertigungstiefe, vom Werkzeugbau bis zur Montage. Warum ist dieser Ansatz für Sie so wichtig?
Die hohe Fertigungstiefe ist ein zentraler Bestandteil unserer DNA. Wir entwickeln und bauen unsere Werkzeuge selbst, beherrschen die Umformprozesse im Detail und übernehmen – wo sinnvoll – auch Montage- und Prüfschritte. Das gibt uns maximale Kontrolle über Qualität, Prozesse und Lieferfähigkeit.
Gerade in Zeiten instabiler Lieferketten ist diese Unabhängigkeit ein großer Vorteil. Wir können schneller reagieren, Prozesse anpassen und gemeinsam mit unseren Kunden Lösungen entwickeln. Diese Nähe zur Technik und zum Produkt ist für mich ein entscheidender Erfolgsfaktor.
Automatisierung und Digitalisierung gelten als Schlüsselthemen der Branche. Wie gehen Sie diese Themen bei Mark an?
Für uns sind Automatisierung und Digitalisierung keine Selbstzwecke. Sie sind Werkzeuge, um Prozesse robuster, effizienter und transparenter zu machen. Wir automatisieren dort, wo es sinnvoll ist – etwa in der Serienfertigung, in der Qualitätssicherung oder bei wiederkehrenden Montageschritten. Ziel ist es nicht, Menschen zu ersetzen, sondern sie von monotonen Tätigkeiten zu entlasten.
Digitalisierung bedeutet für uns vor allem, Daten sinnvoll zu nutzen. Prozessdaten helfen uns, Abweichungen frühzeitig zu erkennen und Qualität abzusichern. Gleichzeitig investieren wir stark in die Qualifikation unserer Mitarbeiter, denn Technologie funktioniert nur dann, wenn die Menschen sie verstehen und weiterentwickeln.
Die Metallindustrie steckt seit rund drei Jahren in einer sehr schwierigen Phase. Wie erleben Sie diese Zeit?
Die letzten Jahre waren außergewöhnlich herausfordernd. Lieferkettenprobleme, stark gestiegene Energie- und Rohstoffpreise, Inflation und ein in einem Transformationsprozess befindlicher Automobilsektor setzen produzierende Unternehmen massiv unter Druck. Gerade Standardprodukte geraten schnell in eine Preisspirale. Diese Situation zwingt uns, noch klarer zu positionieren, wofür wir stehen.
Die Automobilindustrie ist einer Ihrer wichtigsten Märkte. Wie gehen Sie mit der aktuellen Situation um?
Die Situation in der Automobilindustrie ist aktuell herausfordernd. Abrufe sind volatiler geworden, Planungen kurzfristiger und der Kostendruck bleibt hoch. Diese Unsicherheit spüren wir als Zulieferer deutlich. Für mich passt hier ein Bild sehr gut, das auch bei Mark eine besondere Bedeutung hat: der Hund als Symbol unseres Unternehmens. Ein Hund steht stabil, wenn er auf vier Pfoten steht. Genau so sehen wir unsere strategische Ausrichtung. Automotive ist eine wichtige Pfote, aber nicht die einzige. Unser Ziel ist es, langfristig standhaft zu sein, indem wir unsere Kompetenzen auf mehrere Industrien verteilen. Neben Automotive setzen wir verstärkt auf Anwendungen in anderen Bereichen, etwa in der Sanitär- und Bauindustrie. Diese Märkte bieten langfristig stabile Perspektiven und helfen uns, Abhängigkeiten zu reduzieren. Gleichzeitig bleibt der enge Austausch mit unseren Automobilkunden wichtig – Verlässlichkeit und Prozesssicherheit stehen dabei weiterhin im Mittelpunkt.
Welche Rolle spielt Internationalisierung in dieser Strategie?
Internationalisierung ist für uns kein Selbstzweck, sondern eine konsequente Antwort auf die Anforderungen unserer Kunden und der globalen Märkte. Viele unserer Kunden agieren international und erwarten kurze Wege, hohe Liefersicherheit und stabile Qualität – unabhängig vom Produktionsstandort. Mit unseren Standorten in Österreich, Slowenien, China und Indien schaffen wir genau diese Nähe und Flexibilität.
Gleichzeitig ist klar: Unser technologisches Herz schlägt in Spital am Pyhrn. Hier sitzen unser Know-how, unsere Entwicklungs- und Werkzeugbaukompetenz sowie die Ausbildung unserer Fachkräfte. Internationalisierung funktioniert für uns nur dann, wenn dieses Fundament stark ist. Die Auslandsstandorte verstehen wir nicht als reine Produktionsverlängerung, sondern als integrierte Teile unseres Gesamtsystems – mit klaren Qualitätsstandards und engem Austausch. Darüber hinaus beobachten wir neue Märkte sehr genau. Themen wie E-Mobilität, Medizintechnik oder Konsumgüter eröffnen Chancen, die oft außerhalb Europas entstehen. Perspektivisch denken wir deshalb auch über weitere Regionen nach, etwa Nordamerika. Entscheidend ist dabei immer, dass Wachstum zu unserer Kultur passt und wir unsere Werte – Qualität, Verlässlichkeit und langfristiges Denken – auch international leben können.
Sie sprechen oft von einer „enkeltauglichen Zukunft“. Was bedeutet das konkret?
Für mich bedeutet das, Entscheidungen langfristig zu denken – wirtschaftlich, ökologisch und sozial. Dazu gehören Investitionen in moderne Technologien, in Ausbildung und Weiterbildung, aber auch ein verantwortungsvoller Umgang mit Ressourcen. Nachhaltigkeit ist für uns keine Modeerscheinung, sondern eine Haltung.
Abschließend gefragt: Was treibt Sie persönlich als Unternehmerin an?
Mich motiviert die Verantwortung gegenüber den Menschen im Unternehmen und die Möglichkeit, wirklich gestalten zu können. Mark hat in den letzten 106 Jahren immer wieder bewiesen, dass Mut zu neuen Ideen und Verlässlichkeit kein Widerspruch sind. Wenn wir diesen Weg konsequent weitergehen und unsere Werte bewahren, bin ich überzeugt, dass wir auch diese herausfordernde Phase erfolgreich meistern werden.





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