interview
Irene Bader über Machining Transformation und die Zukunft der europäischen Industrie
Irene Bader hat einen bemerkenswerten Weg hinter sich. Ihre Karriere startete sie bei einem österreichischen Händler der damaligen DMG und ist jetzt im Vorstand der heutigen DMG Mori Company Limited – eines globalen Technologiekonzerns mit mehr als 13.500 MitarbeiterInnen weltweit. Seit über 20 Jahren begleitet sie das Unternehmen durch tiefgreifende Veränderungen: von der deutsch-japanischen Fusion bis zur strategischen Ausrichtung unter dem Leitgedanken der Machining Transformation. Im Gespräch analysiert sie die aktuelle Marktsituation, erklärt, warum Investitionszurückhaltung gefährlich sein kann und weshalb der Mensch trotz KI und Automatisierung das entscheidende Element der Fertigung der Zukunft bleiben wird.
„Wir haben speziell im DACH-Raum enormes Know-how und eine starke industrielle Basis. Wenn wir jetzt mutig entscheiden und in Technologie sowie Ausbildung investieren, gestalten wir die Zukunft aktiv – statt ihr hinterherzulaufen.“ Irene Bader MBA, Member of the Board, DMG Mori Company Limited
„Transformation ist kein Selbstzweck. Es geht um Menschen, Verantwortung und Weiterentwicklung. Wenn wir die nächste Generation begeistern, bleibt unsere Branche auch künftig ein tragender Pfeiler Europas.“
Frau Bader, die 31. Hausausstellung in Pfronten war ein voller Erfolg. Wie haben Sie die Stimmung wahrgenommen und welche Bedeutung hatte die Eröffnung des neuen Ausbildungszentrums?
Die Stimmung war deutlich positiver als noch im Jahr zuvor. Natürlich spüren wir weiterhin Kostendruck und wirtschaftliche Unsicherheiten. Aber ich habe in vielen Gesprächen einen klaren Zukunftswillen wahrgenommen. Die Kunden denken stärker in Prozessen als in Einzelmaschinen. Es geht um Effizienz, Automatisierung, Skalierbarkeit, also um die Frage, wie ich meine Fertigung langfristig ausrichte. Pfronten hat sich dabei einmal mehr als internationale Plattform gezeigt, auf der nicht nur Maschinen präsentiert, sondern strategische Themen offen diskutiert werden.
Ein ganz besonderes Highlight war für mich die Eröffnung unseres neuen Trainings- und Ausbildungscenters. Dort bilden wir rund 150 Auszubildende und dual Studierende aus – von klassischem Maschinenbau bis zu Robotik und KI. Gerade im Kontext des Fachkräftemangels ist das ein klares Bekenntnis zum Standort.
Im Dialog über globale Märkte und regionale Stärke: Irene Bader spricht über die Rolle des DACH-Raums, die Bedeutung von Ausbildung und den Wandel hin zu einer menschenzentrierten Smart Factory.
Ihr persönlicher Weg ist außergewöhnlich: von einem österreichischen Händler der damaligen DMG bis in den Vorstand der DMG Mori Company Limited. Hätten Sie das damals erwartet?
Nein, ganz ehrlich, das hatte ich so natürlich nicht geplant. Ich habe sehr früh begonnen, Verantwortung zu übernehmen, Projekte umzusetzen – oft Themen, die es in dieser Form noch nicht gab. Rückblickend war das der rote Faden: Dinge von Null an aufzubauen. Ich hatte das große Glück, Chancen zu bekommen, und ich habe sie genutzt. Seit über 20 Jahren bin ich im Unternehmen, seit drei Jahren im Vorstand. Das erfüllt mich mit Dankbarkeit und auch mit Verantwortung.
DMG Mori-Vorständin Irene Bader im Austausch mit Chefredakteur Robert Fraunberger über globale Märkte, Nachwuchsförderung und die Fertigung von morgen.
Sie bewegen sich als Europäerin im Vorstand eines japanisch geprägten Konzerns. Wie erleben Sie dieses Spannungsfeld?
Deutschland und Japan teilen eine starke industrielle Basis: Qualität, Präzision, langfristiges Denken. Aber es gibt natürlich Unterschiede. In Deutschland sind wir oft sehr direkt, sehr schnell in Entscheidungen. In Japan entstehen Entscheidungen stärker im Prozess. Vertrauen spielt eine enorme Rolle und Vertrauen braucht Zeit. Wir haben früh erkannt, dass kulturelle Integration aktiv gestaltet werden muss. Deshalb haben wir beispielsweise internationale Entwicklungsworkshops eingeführt, bei denen Ingenieure aus Japan, Deutschland und den USA mehrere Tage gemeinsam an Zukunftsthemen arbeiten. Da entstehen Innovationen, aber vor allem auch gegenseitiges Verständnis.
Auf dem DMG Mori Open House Pfronten wurden alle ausgestellten Maschinen mit der neuesten, optimierten Version CELOS X ausgestattet, um den hohen Grad an Konnektivität zu demonstrieren.
Sie arbeiten eng mit Dr. Mori zusammen, der als Visionär und Technologe gilt. Wie ist diese Zusammenarbeit?
Sehr inspirierend. Dr. Mori ist ein außergewöhnlicher Technologe, aber vor allem auch ein sehr wertschätzender Mensch. Unsere Gespräche sind immer substanziell, nie oberflächlich. Er ist nah am Kunden, hört zu, denkt langfristig. Ich habe großen Respekt davor, wie er Technologie, Vision und Menschlichkeit verbindet. Und ich schätze es sehr, seit 20 Jahren eng mit ihm arbeiten zu dürfen.
Das 31. Open House in Pfronten zeigte eine spürbar positive Aufbruchsstimmung in der Branche.
Machining Transformation – MX – ist die strategische Leitlinie von DMG Mori. Was bedeutet das konkret?
Machining Transformation ist für uns keine Marketingformel, sondern eine strategische Antwort auf die veränderten Rahmenbedingungen in der Fertigung. Die Industrieunternehmen stehen unter enormem Druck: kleinere Losgrößen, steigende Variantenvielfalt, kürzere Produktlebenszyklen bei gleichzeitig hohen Qualitätsanforderungen und zunehmendem Kostendruck. In diesem Umfeld reicht es nicht mehr, nur die beste Einzelmaschine anzubieten. Entscheidend ist die Effizienz des gesamten Prozesses.
Und genau hier setzen wir an. Wir denken Fertigung ganzheitlich, von der Maschine über die Automatisierung und Digitalisierung bis hin zur intelligenten Nutzung von Daten. Es geht um Produktivität, also stabile und schnelle Prozesse sowie um Effizienz, insbesondere bei Energie- und Ressourceneinsatz. Und es geht um Flexibilität, um auf volatile Märkte reagieren zu können. Ein wichtiger Punkt ist zudem die Skalierbarkeit. Viele mittelständische Unternehmen investieren schrittweise. Deshalb müssen Lösungen modular aufgebaut sein – eine Maschine von heute muss morgen automatisierbar und digital erweiterbar sein. Zukunftssicherheit entsteht durch durchdachte Systeme. Gleichzeitig bleibt der Mensch im Zentrum. Automatisierung übernimmt repetitive Aufgaben, Digitalisierung schafft Transparenz, aber die Entscheidungen trifft weiterhin der Mensch.
Kurz gesagt: Machining Transformation bedeutet, weg vom Denken in Einzelprodukten zu kommen und Fertigung als integrierten, intelligenten Gesamtprozess zu verstehen. Darin sehen wir die entscheidende Voraussetzung für Wettbewerbsfähigkeit in der Zukunft.
Neuer Technologiezyklus für adaptives Bohren von DMG Mori: Adaptive Drilling Control (ADC) macht aus dem bislang auf Erfahrung basierenden Tieflochbohren einen aktiv geregelten und überwachten Bohrprozess.
Viele Unternehmen zögern aktuell mit Investitionen. Warum ist gerade jetzt der richtige Zeitpunkt für mutige Entscheidungen?
Stillstand kann Wettbewerbsfähigkeit kosten. Das heißt nicht, dass man unüberlegt investieren soll. Aber man muss klug investieren und auch Lösungen wählen, die später skalierbar sind. Technologien entwickeln sich unabhängig von Konjunkturzyklen weiter. Wenn wir heute nicht mitgehen, verlieren wir morgen Anschluss. Gerade jetzt liegt die Chance, Weichen für die nächsten 10 oder 15 Jahre zu stellen.
Auf der EMO 2025 vorgestellt: Ausgestattet mit einem Palettenhandling PH Cell Twin arbeiten Fräsmaschinen wie die DMX 80 U über viele Stunden hinweg völlig autonom.
Frau Bader, wie sehen Sie den DACH-Raum, insbesondere Österreich, im globalen Vergleich?
Der DACH-Raum verfügt über eine außergewöhnlich starke industrielle Basis. Vor allem der Mittelstand – viele familiengeführte Unternehmen und Hidden Champions – prägt unsere Wettbewerbsfähigkeit. Diese Betriebe stehen für technologisches Know-how, hohe Fertigungstiefe und einen klaren Qualitätsanspruch. Natürlich haben wir strukturelle Herausforderungen wie höhere Lohn- und Energiekosten oder regulatorische Hürden. Aber unsere Stärke liegt nicht im Preis, sondern in Innovationskraft, Prozesskompetenz und Zuverlässigkeit.
Österreich ist dabei ein gutes Beispiel: ein kleiner Markt mit großer Exportorientierung und international anerkannten Fertigungsspezialisten. Der Blick von außen auf Deutschland und Österreich ist sehr respektvoll. Man verbindet uns mit Präzision, Stabilität und langfristigem Denken. Ich wünsche mir manchmal, dass wir selbst mit etwas mehr Selbstbewusstsein auftreten würden. Unsere Industrie steht am Anfang vieler Wertschöpfungsketten.
Zum 50-jährigen Jubiläum der EMO zeigte DMG Mori eindrucksvoll, wie die Zukunft der Fertigung bereits heute Realität werden kann.
Nachwuchs und Weiterbildung sind Ihnen ein besonderes Anliegen. Warum ist dieses Thema so zentral?
Weil ohne qualifizierte Menschen jede technologische Strategie ins Leere läuft. Wir sprechen viel über Automatisierung, Digitalisierung und KI, aber all diese Entwicklungen brauchen Menschen, die sie verstehen, anwenden und weiterdenken. Deshalb ist Aus- und Weiterbildung ein strategischer Erfolgsfaktor.
Ein großes Thema ist das Image der Industrie. Viele junge Menschen haben noch ein veraltetes Bild von Fertigung. Dabei ist moderne Zerspanung Hightech – vernetzt, digital und international. Genau das müssen wir sichtbarer machen. Deshalb investieren wir gezielt in Ausbildungs- und Trainingszentren, in denen neben klassischem Maschinenbau auch Robotik, Automatisierung und digitale Kompetenzen vermittelt werden. Gleichzeitig halte ich es für wichtig, dass die Grundlagen nicht verloren gehen, denn technisches Verständnis beginnt immer bei der Basis. Und wir dürfen die bestehende Belegschaft nicht vergessen. Lebenslanges Lernen ist heute wichtiger denn je. Technologien entwickeln sich so schnell, dass Weiterbildung zur Daueraufgabe wird.
Viele junge Menschen suchen Sinn in ihrer Arbeit. Kann die Zerspanung das bieten?
Absolut. Alles, was wir fertigen oder mit unseren Maschinen gefertigt wird, beeinflusst unser tägliches Leben – von Medizintechnik über Mobilität bis Halbleiterindustrie. Maschinenbau steht am Anfang von Wertschöpfungsketten. Das ist hochgradig sinnstiftend. Diese Geschichte müssen wir noch viel besser erzählen.
Blicken wir bitte kurz in die Zukunft. Wo sehen Sie unsere Branche in 15 Jahren?
Eine schwierige Frage, aber durchaus berechtigt. Wenn wir heute die richtigen Entscheidungen treffen, sehe ich unsere Branche deutlich ganzheitlicher aufgestellt. Wir werden nicht mehr in einzelnen Lösungen denken, sondern in durchgängigen Prozessen. Nachhaltigkeit wird dabei kein Zusatzthema sein, sondern integraler Bestandteil jeder Fertigungsstrategie.
Gleichzeitig bin ich überzeugt, dass die Transformation menschenzentriert bleiben muss. Automatisierung und KI werden repetitive Aufgaben übernehmen und Daten analysieren, aber die Verantwortung und die Entscheidungen werden weiterhin beim Menschen liegen. Die Rolle der Mitarbeitenden wird sich verändern, nicht verschwinden.
Und ich wünsche mir, dass wir in 10 oder 15 Jahren mit mehr Selbstbewusstsein auf unsere industrielle Basis in Europa blicken. Die Technologien werden sich weiterentwickeln – das ist sicher. Entscheidend ist, ob wir diesen Wandel aktiv mitgestalten. Wenn wir das tun, sehe ich unsere Branche gut positioniert.
Was ist Ihre ganz persönliche Antriebskraft?
Wir stehen an einem bedeutenden Punkt industrieller Entwicklung. Technologien verändern sich rasant. Märkte sind volatil. Teil dieser Transformation zu sein, Verantwortung zu übernehmen und Brücken zu bauen – zwischen Technologie, Märkten und Menschen –, das motiviert mich jeden Tag. Den Ausgleich finde ich in der Natur. Man braucht diesen Abstand, um wieder klar zu denken. Und dann geht es wieder mit voller Energie weiter.
Frau Bader, was möchten Sie unserer Branche abschließend mit auf den Weg geben?
Ich wünsche mir, dass wir in Europa – und ganz besonders im DACH-Raum – wieder mit mehr Optimismus und Selbstbewusstsein auf unsere industrielle Stärke blicken. Wir stehen am Anfang von Wertschöpfungsketten. Das, was wir im Maschinenbau, in der Automatisierung und in der Zerspanung leisten, ist die Basis für viele andere Industrien, von der Medizintechnik über Mobilität, Kommunikation bis zur Halbleitertechnologie. Das dürfen wir uns ruhig bewusst machen.
Ja, die Herausforderungen sind groß: Kostendruck, Bürokratie, volatile Märkte. Aber unsere Branche war immer schon zyklisch, immer schon anspruchsvoll. Gerade deshalb braucht es jetzt Mut, Entscheidungen zu treffen – nicht überhastet, aber entschlossen. Wir sollten Prozesse neu denken, Technologien klug einsetzen und gleichzeitig den Menschen in den Mittelpunkt stellen. Und wir müssen der nächsten Generation zeigen, dass Industrie nicht Vergangenheit ist, sondern Zukunft. Wenn wir dieses Selbstvertrauen haben und bereit sind, Verantwortung zu übernehmen, bin ich überzeugt: Dann werden wir auch in 10 oder 15 Jahren eine starke, wettbewerbsfähige industrielle Basis in Europa haben.








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