interview

35 Jahre Iscar Austria: Mit Zuversicht handeln

Wie Produktivität, Innovation und Mindset den Fertigungsstandort sichern: Seit 35 Jahren ist die Iscar Austria GmbH ein fixer Bestandteil der österreichischen Zerspanungslandschaft. Ausgehend von Wien entwickelte sich die Niederlassung zu einem wichtigen Technologie- und Vertriebsstandort im internationalen Iscar-Netzwerk. Heute arbeiten in Steyr-Gleink rund 20 Spezialisten daran, heimische Fertigungsbetriebe mit Werkzeuglösungen, Prozess-Know-how und persönlicher Betreuung zu unterstützen. Im Gespräch mit Jürgen Baumgartner, Leiter der Niederlassung und zukünftiger Geschäftsführer von Iscar Austria, geht es jedoch um weit mehr als ein Jubiläum. Wir thematisieren die Zukunft der Fertigungstechnik, notwendige Veränderungen im Denken und warum Österreich trotz aller Herausforderungen sehr gute Chancen hat, langfristig wettbewerbsfähig zu bleiben.

„35 Jahre Iscar Austria zeigen, dass nachhaltiger Erfolg aus Mut, Innovationskraft und der Bereitschaft entsteht, Dinge konsequent umzusetzen.“
 Jürgen Baumgartner, Geschäftsführer, Iscar Austria GmbH

„35 Jahre Iscar Austria zeigen, dass nachhaltiger Erfolg aus Mut, Innovationskraft und der Bereitschaft entsteht, Dinge konsequent umzusetzen.“ Jürgen Baumgartner, Geschäftsführer, Iscar Austria GmbH

Jürgen Baumgartner
Geschäftsführer, Iscar Austria GmbH

„Wer den Fertigungsstandort sichern will, muss Verantwortung übernehmen, offen für neue Wege sein und Produktivität ganzheitlich denken, gemeinsam mit starken Partnern.“

35 Jahre Iscar Austria: Was bedeutet dieses Jubiläum für Sie persönlich, Herr Baumgartner?

Ich bin seit 2014 für die österreichische Niederlassung verantwortlich und durfte damals bereits das 25-jährige Jubiläum miterleben. Wenn ich heute zurückblicke, sehe ich vor allem, wie viel sich bewegt hat. Natürlich gab es auch Rückschläge, die nicht spurlos an uns vorbeigegangen sind. Entscheidend ist aber der Spirit der Mannschaft. Wir haben ein tolles Team, das auch in schwierigen Zeiten konstant gute Arbeit geleistet hat. Dieser Spirit begleitet mich mittlerweile seit fast 26 Jahren bei Iscar. Es ist einfach schön zu sehen, wie Ideen aufgegriffen werden und wie sehr unsere Kunden genau das schätzen, auch dieses manchmal etwas „Verrückte“, das uns ausmacht.

Additive trifft auf Zerspanung: Deutlich leichter, hochfunktional und voll prozesstauglich – das 3D-gedruckte Sonderwerkzeug zeigt das Innovationspotenzial moderner Werkzeugentwicklung. (Bilder: x-technik)

Additive trifft auf Zerspanung: Deutlich leichter, hochfunktional und voll prozesstauglich – das 3D-gedruckte Sonderwerkzeug zeigt das Innovationspotenzial moderner Werkzeugentwicklung. (Bilder: x-technik)

Ein wichtiger Meilenstein war der Umzug nach Oberösterreich und der Neubau in Steyr-Gleink. Welche Bedeutung hat der Standort heute?

Dieser Standort ist viel mehr als ein Bürogebäude. Er ist ein Zentrum für Know-how- und Technologietransfer. Bei unseren Kundenveranstaltungen, Workshops und Seminaren merkt man deutlich, wie gut das angenommen wird. Früher waren wir bei solchen Events 15 oder 20 Personen, heute ist das Haus voll. Das zeigt, dass unsere Kunden nicht nur Produkte erwarten, sondern Wissen, Austausch und konkrete Lösungen. Genau dafür ist dieser Standort ideal.

Extrem schmal, hochpräzise und wirtschaftlich: Der Scheibenfräser mit 1 mm von Iscar zeigt, wie durchdachte Werkzeugkonzepte neue Anwendungen ermöglichen.

Extrem schmal, hochpräzise und wirtschaftlich: Der Scheibenfräser mit 1 mm von Iscar zeigt, wie durchdachte Werkzeugkonzepte neue Anwendungen ermöglichen.

Sie betonen immer wieder, dass Österreich als Fertigungsstandort oft unterschätzt wird. Warum?

Weil wir sehr viele Hidden Champions und eine extrem starke industrielle Basis haben. Die Struktur aus vielen kleinen und mittleren Unternehmen ist aus meiner Sicht ein riesiger Vorteil, weil sie Flexibilität ermöglicht. Natürlich haben wir Probleme – wirtschaftlich, politisch und strukturell. Aber Jammern bringt uns nicht weiter. Wir sollten stolz sein auf das, was wir haben, und anfangen, es aktiv zu gestalten. Verantwortung darf nicht nur bei der Politik liegen. Jeder Einzelne kann etwas beitragen.

Der sechsschneidige QuickTurn zum schnellen multidirektionalen Plan- und Profildrehen verfügt über ein stabiles Klemmsystem und eine integrierte Jet-Cut-Kühlung.

Der sechsschneidige QuickTurn zum schnellen multidirektionalen Plan- und Profildrehen verfügt über ein stabiles Klemmsystem und eine integrierte Jet-Cut-Kühlung.

Durch den Iscar-Konzern kennen Sie viele internationale Märkte. Wie konkurrenzfähig ist Österreich im Vergleich?

Wir sind nach wie vor sehr konkurrenzfähig, aber wir dürfen nicht in einen Ruhemodus verfallen. Andere Länder sind hungrig – Produktivität ist der entscheidende Faktor. Und Produktivität bedeutet nicht, einfach länger zu arbeiten. Es geht darum, Prozesse besser zu gestalten, schneller zu werden und Dinge intelligenter zu lösen. Maschinen kosten weltweit ähnlich viel. Der Unterschied entsteht durch Organisation, Know-how und Prozessverständnis. Wer es schafft, Bauteile schneller, stabiler und günstiger von der Maschine zu bringen, bleibt wettbewerbsfähig.

Mehr Stabilität im Stechprozess: Y-Stechen verbessert Spanabfuhr, Standzeit und Oberflächenqualität.

Mehr Stabilität im Stechprozess: Y-Stechen verbessert Spanabfuhr, Standzeit und Oberflächenqualität.

Welche Rolle spielt dabei ein Werkzeughersteller wie Iscar?

Gute Werkzeuge sind heute Standard, ohne sie kann niemand bestehen. Der Unterschied liegt in der Anwendung, in den Strategien und im Wissenstransfer. Unsere Aufgabe ist es, gemeinsam mit den Kunden Prozesse zu hinterfragen, Mitarbeiter zu schulen und neue Denkweisen zu vermitteln. Innovation allein hilft nichts, wenn sie nicht umgesetzt wird. Erst wenn Mensch, Werkzeug und Prozess zusammenspielen, entsteht nachhaltiger Erfolg.

Im Gespräch über 35 Jahre Iscar Austria und die Zukunft der Zerspanung: Robert Fraunberger (rechts) im Austausch mit Jürgen Baumgartner.

Im Gespräch über 35 Jahre Iscar Austria und die Zukunft der Zerspanung: Robert Fraunberger (rechts) im Austausch mit Jürgen Baumgartner.

Iscar gilt als Innovationsführer. Ein aktuelles Beispiel ist ein großes 3D-gedrucktes Sonderwerkzeug. Was steckt dahinter?

In diesem Projekt ging es vor allem um das Gewicht des Werkzeugs, damit es voll automatisiert eingesetzt werden kann. Das Ergebnis ist ein um ein Vielfaches leichteres Werkzeug, eine höhere Anlagenverfügbarkeit und deutlich verkürzte Bearbeitungszeiten. Dieses Beispiel zeigt sehr gut, welches Potenzial Additive Fertigung in Kombination mit Zerspanung bietet: etwa bei internen Kühlkanälen, Strömungsführung oder Austrittsgeschwindigkeiten. Wir stehen hier erst am Anfang.

Alles bereit: Die Klappe eröffnet die Dreharbeiten zum Videocast „35 Jahre Iscar Austria“.

Alles bereit: Die Klappe eröffnet die Dreharbeiten zum Videocast „35 Jahre Iscar Austria“.

Viele Innovationen entstehen direkt aus Kundenanforderungen. Wie wichtig ist die Nähe zum Anwender?

Sie ist entscheidend. Innovation entsteht nicht im Labor, sondern dort, wo reale Probleme gelöst werden müssen. Unsere Entwickler müssen das Problem verstehen und das geht nur vor Ort. Diese Nähe zum Kunden ist aus meiner Sicht ein ganz wesentlicher Unterschied und eine große Stärke von Iscar.

Fachkräftemangel, Automatisierung und Digitalisierung sind zentrale Themen. Wie hängen sie zusammen?

Fachkräfte werden auch in Zukunft knapp bleiben. Deshalb müssen wir vorhandenes Know-how besser nutzen und Menschen von nicht wertschöpfenden Tätigkeiten entlasten. Automatisierung und Digitalisierung sind dafür unverzichtbar – nicht nur in der Fertigung, sondern auch in administrativen Prozessen. Bei uns werden Bestellungen beispielsweise voll automatisiert verarbeitet, um Kapazitäten für individuelle Kundenbetreuung freizuspielen. Digitalisierung darf aber kein Selbstzweck sein. Daten zu sammeln, ohne Mehrwert zu schaffen, bringt nichts.

Wie kann man junge Menschen für die Zerspanung begeistern?

Indem wir zeigen, wie vielseitig und kreativ dieser Beruf heute ist. Zerspanung ist längst kein schmutziger Werkstattjob mehr. Es geht um Technik, IT, Prozesse, Verantwortung und Gestaltungsspielraum. Ein zentrales Thema ist Respekt – zwischen den Generationen und gegenüber allen, die Wertschöpfung leisten. Wenn wir jungen Menschen Vertrauen geben und sie machen lassen, dann werden sie beweisen, was in ihnen steckt.

Zum Abschluss: Was sollen die Leser aus diesem Gespräch mitnehmen?

Mit Zuversicht handeln und dabei offenbleiben, von anderen lernen, Verantwortung übernehmen. Wir haben es selbst in der Hand – als Unternehmen, als Mitarbeiter und als Gesellschaft. Wenn wir gemeinsam anpacken, dann hat der Fertigungsstandort Österreich eine sehr gute Zukunft.

Alles Gute zum Jubiläum und danke für das Gespräch!

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